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Das Phänomen Georg Baselitz : Am Ende der Schlachten

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Der nacherzählte Skandal

Was sagen Baselitz’ gute Beziehungen zur Finanz- und Wirtschaftselite über seine Kunst aus? Baselitz’ Karriere ist der Versuch, von zwei Künstlerrollen gleichzeitig zu profitieren: Genial und verkannt wie Vincent van Gogh, erfolgreich und im Machtzentrum wie Anton von Werner, der Lieblingskünstler von Kaiser Wilhelm I. und II.

Das war nicht von Anfang an so: Als Baselitz „Die Große Nacht im Eimer“ ausstellte, lebte er erst seit einigen Jahren im Westen, 1956 war er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Ost-Berliner Kunsthochschule verwiesen worden. In West-Berlin studierte er bei Hann Trier, einem deutschen Vertreter des Informel. Den westdeutschen Weg in die Abstraktion schien so viel guter Wille wie politisches Kalkül gepflastert zu haben. Ungegenständliches zu malen, zu sammeln oder auszustellen hieß Verfemtes zu rehabilitieren, einerseits. Andererseits blieben unangenehme Themen dadurch angenehm unscharf. In diese Eintracht brach „Die Große Nacht im Eimer“ wie das verräterische Herz in Edgar Allan Poes gleichnamiger Kurzgeschichte, in der das Herz eines ermordeten Alten unter den Dielen zu pochen beginnt. Die zentrale Figur des Bildes trug grüne Tarnhose, aus der ein riesiger Phallus ragte, sie war grauenhaft verstümmelt, ein perverser Zombie. In den fünfziger Jahren hatte es die „Heimkehrerliteratur“ gegeben, Baselitz ließ die Väter in den sechziger Jahren in die Kunst zurückkehren. Der Farbauftrag war krümelig wie Schorf, schmierig wie die Farbagglomerationen eines Philip Guston.

Nach dem Skandal jedoch ging es weniger um die Kunst und mehr um Baselitz selbst. Als Baselitz 1966 in der Berliner Galerie Springer ausstellte, wurde der Skandal gleich auf dem Ausstellungsplakat nacherzählt. An dieser Vermarktungsstrategie hat sich nichts geändert: Fast jeder Katalog zeigt den Künstler in mehreren Porträtaufnahmen. Die Person Baselitz’, seine Biographie, ist in Ausstellungen omnipräsent, im Museum Essl etwa als Wandtext, im Film, im Handout, am Eingang und am Ende der Schau.

Sie bleiben anonym

Je erfolgreicher er wurde, desto vehementer weigerte Baselitz sich, den Preis zu zahlen: zuzugeben, gefördert und gestützt worden zu sein. „Kampfbilder“ wurde seine Gemälde genannt, als „Schlachten“ bezeichnete er sie selbst. Gegen wen? Die in Form und Inhalt zelebrierte Rohheit, die bei der „Großen Nacht im Eimer“ noch ein Novum war, wurde schnell vom Regelbruch zum anerkannten Stil, zum Symbol der Macht, ein Kult von Aggression für diejenigen, die sich Rücksichtslosigkeit erlauben können. Die Pose des Renegatentums aber blieb. Das Schroffe kann eine Tugend des Außenseiters sein, bei Machtausübenden ist sie ein Laster. Baselitz’ Werk nährt sich von einer imaginierten Ablehnung. Ohne sie ist die Geste des Außenseitertums hohl.

Vor wenigen Tagen wurden eine Baselitz-Ausstellung in der von der Stadt getragenen Galerie Stihl in Waiblingen eröffnet, Titel „Romantiker kaputt“. Seine Werke, so der Pressetext, reflektierten die „Stellung des Malers als Einzelkämpfer in der Gesellschaft“. Alle Werke kommen aus der Sammlung GAG.

Ein Anruf in Waiblingen: Was ist die GAG Sammlung? Antwort: es ist eine Privatsammlung. Die Besitzer bleiben anonym.

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