https://www.faz.net/-gqz-79949

Das Phänomen Georg Baselitz : Am Ende der Schlachten

  • -Aktualisiert am

Im Tierreich nennt man den Versuch, vorzugeben, etwas anders zu sein, als man ist, Mimikry. Bei den Insekten spricht man von „Scheinwarntracht“, oder auch „Signalfälschung“, wenn etwa Schwebfliegen schwarz-gelbe Warnfarben aufweisen und damit das wehrhafte Vorbild der Wespe imitieren. Bedrohliche Schutzwarntracht trägt auch der Künstler bei öffentlichen Auftritten und wenn es Steine zu schmeißen gibt, bei denen er davon ausgehen kann, dass sie in sicherer Entfernung einschlagen. Die DDR-Künstler Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer bezeichnete er als „Arschlöcher“, was im westlichen Kunstsystem natürlich kaum jemanden empörte. Auch von Malerinnen hält Baselitz nichts: „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt.“ In einem von Männern dominierten Kunstsystem bringt diese Äußerung ebenfalls nichts durcheinander. Kochen dagegen können Frauen anscheinend prima, das Kochbuch „Mit Liebe zur Koch-Kunst“ von Rita Batliner, der Ehefrau Herbert Batliners, illustrierte Baselitz.

Verschwiegene Kooperation

Überhaupt ist der Fall Batliner ein gutes Beispiel dafür, wie friedlich es im Reich Baselitz zugehen kann, wenn man ihn in seinem selbstgewählten Habitat beobachtet, unter Galeristen und Großsammlern. Herbert Batliner ist ein Liechtensteiner Finanztreuhänder und Kunstsammler. Eine CD-Rom, die 2000 der Bochumer Staatsanwaltschaft zugespielt worden war und Interna von mehr als 400 Stiftungen von rund 150 Kunden Batliners enthielt, löste die erste großflächige Ermittlung gegen deutsche Steuerhinterzieher aus, die ihr Vermögen in Liechtenstein versteckt hatten; 119 Beschuldigte wurden zu Steuernachzahlungen und Geldstrafen in Höhe von 80 Millionen Euro verurteilt. Im Sommer 2007 wurde ein Verfahren wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung gegen Batliner eingestellt, gegen die Zahlung einer Geldauflage in Höhe von zwei Millionen Euro.

Die Museumswelt jedoch, allen voran die traditionsreiche Wiener Albertina, zeigte sich nicht nachtragend: Im selben Jahr feierte man prunkvoll, dass Batliner dem Haus fünfhundert Gemälde seiner Kunstsammlung überlassen habe; in Goldbuchstaben steht seitdem „Albertina“ und „Sammlung Batliner“ an der Fassade. Die Sammlung reicht vom Impressionismus bis zu Werken von Baselitz. Von einer unbefristeten Leihgabe war zuerst die Rede, inzwischen ist öffentlich, dass diese zunächst auf zehn Jahre beschränkt wurde. „Wie in einer Diktatur werden diese Verträge der Öffentlichkeit vorbehalten“, zitierte „Die Presse“ Edelbert Köb, den ehemaligen Direktor des Wiener Museums moderner Kunst. Ein Problem ist bei alldem nicht, dass öffentliche Museen mit Privatsammlern kooperieren; ein Problem ist, wenn die Grundlagen der Kooperation der Öffentlichkeit verschwiegen werden.

Baselitz, der sich sonst bevorzugt allein ablichten lässt, machte für Batliner eine Ausnahme. Im Ausstellungskatalog zur Schau „Meisterwerke der Moderne aus der Albertina“ von 2009 findet sich ein Foto, das Baselitz und Batliner vereint am Gartentisch zeigt. In einem weiteren Katalog wird das Gespräch abgedruckt, man redet - zusammen mit dem Direktor der Albertina - verständig über Kunst, ohne Ausfälle. Die Sonne scheint, es gibt Kaffee in kleinen Tassen, man versteht sich.

Weitere Themen

Die Frankfurter Paulskirche Video-Seite öffnen

Rundflug : Die Frankfurter Paulskirche

1848 bis 1849 tagte hier die Nationalversammlung. Nach dem Brand im März 1944 wurde sie zum hundertsten Gedenktag der Nationalversammlung am 18. Mai 1948 als „Haus aller Deutschen“ wiedereröffnet.

Topmeldungen

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau : Hauptsache, der Riesling fließt

Die Weinernte dieses Jahr wird wohl unterdurchschnittlich, aber besser als letztes Jahr. Wie die Erntemengen schwankt auch der Geschmack der deutschen Weintrinker – einer Sorte aber bleiben sie seit Jahren treu.
Aufgebracht: Wieder haben Frauen in Warschau gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots demonstriert.

Abtreibungsgesetz in Polen : „Die Revolution ist eine Frau“

In Polen demonstrieren Tausende seit Tagen gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz. Der Protest reicht sogar bis in die Gottesdienste. Welche Lager stehen einander hier gegenüber?
Anis Mohamed Youssef Ferchichi, bekannt als Rapper Bushido, im Gerichtssaal im August.

Bushido im Abou-Chaker-Prozess : „Ich habe meine Frau geschlagen“

Beim Prozess gegen Arafat Abou-Chaker wird Bushido vor Gericht persönlich: Er habe im Streit zwischen Abou-Chaker und seiner Frau die „dümmste Entscheidung“ seines Lebens getroffen. Auch den anschließenden Tiefpunkt schildert er.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.