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Das Phänomen Georg Baselitz : Am Ende der Schlachten

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Die erste legendäre Ausstellung ist nicht allein im Hinblick auf den Skandal interessant. Die Schau war der erfolgreiche Versuch, ein Netzwerk zu bilden, aus dessen Zentrum heraus man sich nicht nur die Feinde aussuchte, sondern auch die Freunde, mit denen man Geschichte schreiben wollte. Es gab einen Katalog auf Büttenpapier, für den man sich ein Geleitwort von Herbert Read besorgt hatte, dem Kunstkritiker und Mentor der englischen Moderne von Henry Moore bis Barbara Hepworth. Es schrieb der Schriftsteller Édouard Roditi, der mit modernen Künstlern Interviews geführt hatte, von Marc Chagall bis Hannah Höch. Man suchte den Schulterschluss mit der Moderne.

Die populärsten Mythen der Moderne fanden Eingang in Baselitz’ Werk. Zwei Beispiele: Seine Entscheidung von 1969, die Bilder auf den Kopf zu stellen, verglich der ehemalige Hamburger Kunsthallendirektor Werner Hofmann mit einem Schlüsselerlebnis Wassily Kandinskys, der eines seiner Gemälde, auf dem Kopf stehend, im Atelier betrachtet hatte. „Ich wusste jetzt genau“, schrieb Kandinsky, „dass der Gegenstand meinen Bildern schadet.“ Von der neuen Freiheit, über Kopf „all das malen“ zu können, was vorher verboten gewesen sei, sprach Baselitz. Letztens kündigte er an, „unsichtbare Bilder“ malen zu wollen. Auch damit wird ein Mythos der Moderne aufgegriffen, die „ungemalten Bilder“ von Emil Nolde, die Siegfried Lenz 1968 in seinem Roman „Die Deutschstunde“ verewigte.

Liebe zur Kochkunst reicher Frauen

Kandinsky, Nolde, die Wahrnehmung der Moderne folgt häufig einem einfachen Schema: Gesellschaft gegen Künstler, Reaktion gegen Fortschritt, Mainstream gegen Außenseiter. Tatsächlich durchlief Baselitz eine Bilderbuchkarriere. 1965 war er Stipendiat der Villa Romana in Florenz, 1968 Stipendiat des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie, allein bis 1970 hatte er etwa ein Dutzend Galerieausstellungen, dazu kamen Gruppenausstellungen an öffentlichen Institutionen; 1970 fand die erste Einzelausstellung in einem Museum statt, 1972 nahm er an der Documenta 5 teil. Zu den frühen Sammlern seiner Werke gehörten der Unternehmer Karl Ströher oder Prinz Franz von Bayern; die „Große Nacht im Eimer“ kam in die Sammlung Peter Ludwigs und durch dessen Stiftung 1976 ins heutige Museum Ludwig in Köln. 1980 vertrat Baselitz zusammen mit Anselm Kiefer Deutschland auf der Biennale in Venedig, der Kurator war Klaus Gallwitz, der damalige Direktor des Städelschen Kunstinstituts und Berater der Kunstsammlung der Deutschen Bank, die von 1981 an ebenfalls umfangreich Baselitz-Werke kaufte. Gegen diesen Erfolg ist nichts einzuwenden. Nur: Man kann nicht in Heerscharen gegen den Strom schwimmen. Man ist der Strom.

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