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Das Phänomen Georg Baselitz : Am Ende der Schlachten

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Gründungsmythos eines Images

Vorweg: Baselitz ist ein Medienphänomen. Das zeigte sich nicht nur kürzlich, als das Magazin „Spiegel“ berichtete, dass Steuerfahnder die Villa des Künstlers am Ammersee durchsuchten, während Baselitz selbst sich auf dem Weg nach Italien befand, nach Imperia, wo er ein zweites Anwesen besitzt. In der Presse war Baselitz allerdings bereits in den Monaten zuvor kontinuierlich aufgetaucht. Im Januar feierte er seinen 75. Geburtstag, es gab Artikel, Sonderhefte, Fotostrecken, Ausstellungen, Kataloge, einen Film, der im Fernsehen und im Kino lief, eine Benefizauktion, und mitten hinein in den Rummel sagt Baselitz Sätze wie: „Ich lebe zurückgezogen. Ich lebe sozusagen einsam.“ Aber nicht im Jahr 2013, dachte man da verblüfft. Baselitz gilt als einer der teuersten Gegenwartskünstler, Investmentfonds bieten seine Werke als Kapitalanlage an, erst kürzlich wurde ein Bild für umgerechnet 3,6 Millionen Euro versteigert. Gleich zu Beginn des Films „Georg Baselitz. Ein deutscher Maler“ sagt der Künstler: „Ich war jemand, der wirklich sehr wild war. Das bringt sehr viele Nachteile.“ Welche denn, denkt man auch hier verdutzt.

Und damit wäre das Phänomen Baselitz bereits umrissen, dessen Selbstbeschreibungen so brav nachgebetet werden, dass man sich nur wundern kann. Kaum ein Bericht kommt ohne die Bezeichnungen „Eremit“, „Berserker“, „Außenseiter“ aus, es ist der goldverzierte Rahmen, in den der Künstler selbst sein Porträt zur Ansicht gesteckt hat.

In der Kunstgeschichte der Nachkriegszeit gibt es wenige Künstler, die so hartnäckig von sich behauptet haben, ausgegrenzt, angegriffen und missverstanden worden zu sein. Baselitz, so wie er sich darstellt, ist der Harry Haller des Kunstbetriebs, ein Steppenwolf, wild, einsam, unbeugsam, seine Kunst gilt dementsprechend als grob, roh, kompromisslos. Zu diesem Image gibt es einen Gründungsmythos, eine Urszene, die zur Beglaubigung herhalten muss. Sie wird in jedem (wirklich in jedem) Katalog erzählt, zuletzt im 2013 erschienenen Ausstellungskatalog des Essl Museums im österreichischen Klosterneuburg, einem Privatmuseum des Baumarktkettenbesitzers und Kunstsammlers Karlheinz Essl. Darin heißt es: „Die erste Einzelausstellung in der Galerie Werner & Katz in Berlin wird über Nacht zum Skandal. Von den ausgestellten Bildern werden ,Die große Nacht im Eimer’ (1962/63) und ,Der nackte Mann’ (1962) von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Der anschließende Prozess endet erst 1965 mit der Rückgabe der Bilder.“

Malen, was vorher verboten war

„Staatsanwaltschaft“, „beschlagnahmen“, das kann sich keiner wünschen, würde man denken, in diesem Fall war es aber genauso: Der Skandal war gewünscht. Ein mit dem Galeristen Michael Werner befreundeter Kunstkritiker hatte den Artikel lanciert, der die Beschlagnahmung auslöste. Den Hergang erzählte Werner 2011 in einem Interview auf Artnet: „Morgens lese ich dann in der ,Berliner Zeitung’: ,Skandal, Pornographie in einer Galerie am Kurfürstendamm - Staatsanwalt beschlagnahmt zwei Bilder’. Das war eine Erfindung.“ Die Staatsanwaltschaft kam erst, nachdem sie von sich in der Zeitung gelesen hatte. Baselitz, der von dem Coup nichts wusste, erzählt es ebenfalls rückblickend im Film. Der neueste Katalog - wie alle zuvor - kolportiert trotzdem weiter die alte und schmeichelhaftere Version.

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