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Nxt Museum in Amsterdam : Alles so schön digital hier

Begehbare Landschaft in Schwarzweiß: ‘Dimensional Sampling #1’ von Yuxi Cao (James) and Lau Hiu Kong (Lawrence). Bild: Nxt Museum

In Amsterdam hat das Nxt Museum eröffnet: Es will die Kunst von morgen zeigen. Die erste Ausstellung „Shifting Proximities“ wirbelt die Sinne durcheinander.

          5 Min.

          Hereinspaziert, hereinspaziert: Was einst Geisterbahnen, Spiegelkabinetten, Imax-Kinos oder von Lasershows durchzuckten Tanzflächen vorbehalten war, gehört nun auch zum Jahrmarkt der Attraktionen im Museumsbetrieb. Digitale Hochleistungskunst lässt einen mit zeitgenössischen Mitteln der optischen Illusion die Grenzen des Möglichen überschreiten und eintauchen in eine Gegenwelt wie aus einem Traum – zwischen Grusel und Gelächter, Meditation und Rausch.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          So ermöglicht es das eben eröffnete Nxt Museum in Amsterdam, das mit Aplomb verkündet, hier werde die Kunst von morgen schon heute gezeigt. Keine schlechte Ansage in einer Stadt, in der die Kunst von gestern immerhin mit Rembrandts „Nachtwache“ aufwarten kann. Doch im Norden Amsterdams, wo vor nicht allzu langer Zeit noch Öltanks und Kräne das Bild eines Hafens auf dem Höhepunkt des fossilen Zeitalters prägten, zeichnet sich tatsächlich Zukünftiges ab.

          Hinter dem schon etwas in die Jahre gekommenen Overhoeks Tower schießt ein neuer Block nach dem anderen in die Höhe. Bagger wühlen, Stahlstreben ragen auf, Bildtafeln künden an Baustellen von einer schönen neuen Wohn- und Lebenswelt im durchgrünten Areal am Wasser. Das Nxt Museum, das sich als erstes in den Niederlanden ausschließlich den neuen Medienkünsten verschrieben hat, wird bald Teil einer schicken und progressiven Nachbarschaft sein. Noch liegt sein containerförmiger Bau allerdings in einer den Charme heruntergekommener Industriegebiete verströmenden Gegend – was bekanntlich das perfekte Umfeld für ein Start-up abgibt.

          „Distortions in Spacetime“ von Marshmallow Laser Feast.
          „Distortions in Spacetime“ von Marshmallow Laser Feast. : Bild: Nxt Museum

          Vielleicht ist das Verblüffendste an diesem avancierten Projekt, das von der Marketing-Expertin Merel van Helsdingen und der Design-Fachfrau Natasha Greenhalgh gegründet wurde, dass es körperliche Anwesenheit vor Ort verlangt. Und das, wo doch allüberall, durch die Notwendigkeiten der Pandemie-Eindämmung befeuert, die anbrechende Ära der Distanz ausgerufen wird, der kontaktlosen Kommunikation und des virtuellen Surrogats physischer Erfahrungen.

          Ist das kommende Museum denn kein Datenraum im Netz, keimfrei durch die Virtual-Reality-Brille zu betreten? Im Nxt Museum muss man schon physisch präsent sein, um die vielbeschworene Immersion zu erleben. Das White-Cube-Konzept traditioneller Ausstellungshäuser ist einer Flucht von Darkrooms gewichen, in denen Rundumprojektionen oder monumentale Bildflächen entgrenzend wirken.

          „Habitat“ von Heleen Blanken in Zusammenarbeit mit Naivi und Stijn van Beek.
          „Habitat“ von Heleen Blanken in Zusammenarbeit mit Naivi und Stijn van Beek. : Bild: Nxt Museum

          Es geht um die digitale Neukalibrierung unseres Verhältnisses zu Nähe und Distanz, Verbindendem und Trennendem in der von Bogomir Doringer und Jesse Damiani kuratierten Eröffnungsschau „Shifting Proximities“. Der Besucher soll sie sinnlich erfahren, eintauchen in ein Erlebnis, das Emotionen und Instinkte kitzelt, bevor sich der Verstand einschaltet. Die erste Installation dient als gemeinschaftsstiftender Initiationsritus: In Roelof Knols interaktiver Bodenprojektion „Connected“ schaffen Eintretende unweigerlich ein Netzwerk sich fortwährend verändernder Bezüge. Die dynamische polygonale Isometrie, die dabei in der Projektion entsteht, lässt sich als Sinnbild eines basisdemokratischen Internets deuten – oder der Unentrinnbarkeit.

          Die Installation „Topologies #1“ des britischen Kollektivs United Visual Artists trennt die eben noch Verbundenen wieder. In von Trockeneisnebel dichter Luft schneiden scharfe Lichtstrahlen Winkel und Linien, so dass es wirkt, als teilte sich der Raum, neigte sich der Boden, vereinzelten oder gruppierten sich Menschen ohne ihr Zutun. Das ist theatrale Mengenleere mit einfachen, aber effektiven Werkzeugen; ein technisch bescheidenes Vorgeplänkel zu dem, was folgt.

          „Econtinuum“ von Thijs Biersteker und Stefano Mancuso.
          „Econtinuum“ von Thijs Biersteker und Stefano Mancuso. : Bild: Nxt Museum

          Hinab in die Tiefen des Meeres, hinaus in die Weiten des Alls geht es nun. Die Künstlerin Heleen Blanken hat für ihre halbstündige Video-Installation „Habitat“ dreidimensionale Scans von Artefakten aus der Sammlung des Naturalis Biodiversity Center in Leiden mit dem Softwareentwickler Naivi in eine phantastisch fluide Computersimulation scheinnatürlicher Landschaften umgewandelt. Schauend gleiten wir durch sich in Strömungen wiegende Unterwasserwälder oder sehen Wasserfälle sich in verschiedene Richtungen zugleich ergießen. Wie Stelen für geheime Rituale stehen kristalline schwarze Skulpturen vor dem wandfüllenden Bildschirm, den ein Wasserbassin begrenzt.

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