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Nationalmuseum von Qatar : Gewetterter Sand als Emblem einer Nation

Blick auf das neue Nationalmuseum von Katar am Eröffnungstag. Es ist einer Wüstenrose nachempfunden. Bild: dpa

In Qatars Hauptstadt Doha, wo in drei Jahren die Fußball-WM stattfindet, eröffnet das erste Nationalmuseum des 21. Jahrhunderts – und stellt die Frage, ob man heute noch national bauen kann.

          Manchmal sind an Mineralogie Interessierte ihren Mitmenschen voraus. Wer etwa am Wochenende den Bericht der „Tagesschau“ zum neu eröffneten Nationalmuseum des Emirats Qatar sah und ein Grundwissen an Mineralogie mitbrachte, konnte nur den Kopf schütteln. Kurzerhand wurde dort der vom französischen Architekten Jean Nouvel als Wüstenrose titulierte Riesenbau blumig als Pflanze, eben als Rose der Wüste, einsortiert. Nichts könnte falscher sein.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Bereits ein Blick auf die fächerförmig nach allen Seiten ausladenden Lamellen zeigt an, welcher Metaphorik sich Nouvel hier bedient: der einer kristallinen Sand- oder Gipsrose. Diese bizarren Mineralgebilde, deren Lamellen sich durchstecken als hätten sich die Teller gleich mehrerer Star Trek-Raumschiffe ineinander verkeilt, entstehen durch kapillare Ausblühungen von Salzen wie Baryt unter dem Sand. In der tunesischen Wüste werden bis zu sechs Tonnen schwere Prachtexemplare dieser Barytrosen abgebaut, aber auch in den Sandlagern der hessischen Wetterau lassen sie sich finden. Mit dem blitzartigen Verdunsten von Wasser im heißen Sand und dem Auskristallisieren der darin gelösten Mineralien als Grundform eines Museumsbau im Wüstenstaat Qatar hat der Architekt eine packende Metapher gefunden. Über 250 Meter wächst nun ringförmig und kristallin in alle Richtungen ausgreifend eine Wüstenrose direkt an der Küstenstraße von Doha. In ein amorph durchstecktes Stahlgerüst hängt Nouvel Formteile aus Beton ein – letzten Endes auch nur zusammengebackener Sand. Um diese Transformation von Sand mittels Wasser zu verdeutlichen überzieht der Architekt die Haut der Betonlamellen mit einem wilden Krakelee, wobei er die dabei entstehenden Schattennuten bewusst nicht auspoliert und so in diesen ein bewegtes Oberflächenrelief grober Sandkörner sichtbar lässt. Zusammen mit der sandfarbenen Tönung des Betons, der zugleich das Meer vor ihm reflektiert, scheint der Museumskristall im Moment des Bestaunens aus dem Boden auszublühen, nicht ohne jederzeit in alle Richtungen weiterwachsen zu können.

          Entworfen wurde das Gebäude von dem französischen Stararchitekten Nouvel. Bilderstrecke

          Wenn es je möglich war, ein Museum für eine Nation und damit national zu bauen, scheint es heute ausgeschlossen, den einen gültigen Baustil oder Ausdruck für eine moderne Gesellschaft zu finden. An die Stelle von Nationalstil ist heute die Metapher getreten, die paradoxerweise global unmißverständlich lesbar und mit dem jeweils beauftragenden Staatsgebilde verknüpft sein soll: Le Corbusier errichtete für den 1947 unabhängig gewordenen indischen Staat die moderne Planstadt Chandigarh im Zeichen des Futur, Frank O. Gehry goss mit seinem Museum in der sterbenden baskischen Industrie- und Hafenstadt Bilbao den wirtschaftlichen Aufbruch und die radikale Transformation in das Bild gleißender Segel aus Titan. Nouvel nutzt für den erst 1971 gegründeten Staat Qatar die Metapher des Dynamischen, indem er eine sich scheinbar permanent wandelnde Sandburg entwirft, die in ihren Proportionen und der überbordenden Formvielfalt an keiner Stelle abzuschätzen ist und nach allen Seiten offen bleibt. In einer durch den Reichtum an Öl und Gas derart rasch wachsende Gesellschaft, die sich durch das absehbare Ende dieser Ressourcen massiv in eine Wissensgesellschaft umbaut, stieß seine dynamische Strukturmetapher sofort auf Gegenliebe, wie die Besuchermassen Einheimischer am Eröffnungswochenende erahnen lassen.

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