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Nationalmuseum von Qatar : Gewetterter Sand als Emblem einer Nation

Eine nie abzuschließende Geschichtsschau

Dabei trumpft das Nationalmuseum trotz seiner 52.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in zwölf großen Sälen nicht mit Größe oder Überwältigungseffekten auf – es versucht gar nicht erst, mit den monatlich neu in den Himmel schießenden Wolkenkratzern von Doha zu konkurrieren. Wo frühere Nationalmuseen durch kathedralhohe Treppenhäuser und Säle die Besucher einzuschüchtern versuchten, duckt sich dieses erste Museum einer Nation im 21. Jahrhundert geradezu ein und wirkt organisch, als Teil und Antwort auf die ursprüngliche Wüstenumgebung. Nur an wenigen Stellen überragt der Neubau den als Architektur-Spolie integrierten alten Königspalast von um 1900, in den man am Ende des Rundgangs von anderthalb Kilometern entlang aller Ausstellungsobjekte gelangt. Aus der Luft betrachtet wirkt der mehrfach durch kleine Anbauten erweiterte Palast in traditionell qatarischer Bauweise, der nach Auszug des Emirs von 1975 bis 1996 das ursprüngliche Nationalmuseum beherbergte, wie der Verschluss einer Schmuckkette aus unterschiedlich großen Wüstenrosenperlen; auf der Nordseite des Ringbaus gelegen leitet er die Besucher zum Beginn des Museumsrundlaufs zurück und steigert so die Dynamik der nie völlig abzuschließenden Geschichtsschau im Inneren des Baus. Seit 2011 vom deutschen Büro ZRS restauriert, bildet der Palast mit seinen feinen Stuckornamenten, den in der arabischen Baukultur obligatorischen Majili-Warteräumen für die Bittsteller und auch seinen Decken aus indischem Importholz selbst ein Ausstellungsstück der alten Kultur des Landes.

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Wenn schon die äußere Gestalt des Baus keine nationale Indienstnahme erlaubt, wie wird im Inneren die Geschichte der Qataris erzählt? Auch mit der Präsentation der Nationalgeschichte hat man ein französisches Kuratierungsbüro beauftragt, das etwas sehr Eigenes schafft, nach Vorgaben des Emirs und seiner Schwester Sheika Al Mayassa, die für alle Museen Qatars zuständig ist.

Jung, aber alt

Obwohl es sich bei Qatar um einen der jüngsten Staaten weltweit handelt, ist die Halbinsel seit der Steinzeit besiedelt, und dieses Leben in und mit der Wüste seit Jahrtausenden bis heute wird faszinierend präsentiert, ohne allzu große Genauigkeit in der Datierung der Stücke, die die Großerzählung untermalen sollen. Eine Besonderheit ist, dass das Museum nur ein originär altes qatarisches Objekt der Kunst zeigt: den drei Meter langen sogenannten Baroda-Teppich, den einst der gleichnamige Maharadscha mit sagenhaften eineinhalb Millionen Perlen für das Grab Mohammeds in Medina besticken ließ. Alles andere sind „Belege“, Ausgrabungsfunde und Gegenstände des Lebens in der Wüste, die in den jeweiligen Sälen von aufwendigen Künstlervideos hinterlegt werden, aus denen in der neunten Galerie „The Coming of Oil“ von Doug Aitken herausragt: Vor grünlackiertem Ölbohrinstrumentarium aus den Vierzigern splittern kaleidoskopartig Petroliumraffinerien in Irakkriegs-Giftgrün, altarabische Ornamente und die endlosen Leitungssysteme und Arterien für das Öl auf.

Der zwölfte und letzte Saal indes steht noch leer. Er soll in den nächsten Jahren mit der Darstellung des politischen Boykotts gegen Qatar durch Saudi-Arabien und Bahrein und dessen Auswirkungen gefüllt werden. Mit diesem Offenhalten des Ausgangs der eigenen Geschichte zeigt sich nur ein letztes Mal, mit welch sicherem Gespür Jean Nouvel der Dynamik einer Gesellschaft die passende und bleibende Form verliehen hat.

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