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Lucian Freud in Boston : Die Anti-Selfies des Herrn Freud

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Das Museum of Fine Arts in Boston zeigt, wie modern der vor neun Jahren gestorbene Künstler Lucian Freud noch immer ist.

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          Der Maler Lucian Freud ist seit fast neun Jahren tot. Er bestand stets darauf, zu sehen, was ist, und nicht, was sein sollte. Das macht ihn im Zeitalter der polierten Selfies, jenseits aller ästhetischen Qualitäten, über die man sich streiten kann, zum moralisch wichtigsten Maler der Gegenwart. In seinen Akten, Porträts und Selbstporträts, die im Verlauf unbarmherzig langer Sitzungen und durch monatelanges durchdringendes Hinsehen entstanden, offeriert er eine Würdigung des menschlichen Körpers und der Komplexität unseres Menschseins, die Schönheit nicht braucht, um bewegend zu sein – dadurch ist sie doch sehr schön.

          Freud ist der exakte Gegenpol eines Selfie-Herstellers, obwohl auf beide der Satz Freuds zutrifft: „Ich nehme nicht einfach hin, was bei mir als Information ankommt, wenn ich mich betrachte, und damit beginnen die Schwierigkeiten.“ Auch eine Selfie-Herstellerin nimmt nicht hin, was sie sieht. Sie repariert, was nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht. Haut wird geglättet, Teint getönt, ein Fettpölsterchen entfernt. Das polierte Bild kommt ins Netz. Es ist uns bewusst, dass der gefühlte Zwang zur Politur psychische Probleme schafft („that’s where the trouble starts“). Lucians Großvater Sigmund machte es sich in Wien zur Aufgabe, die Politur abzutragen, „trouble“ herauszuschälen und bloßzulegen. Er hörte zu. Sein Enkel sah hin. Beide beschäftigten sich mit ihren Sujets lange, gründlich und durchdringend. Beide misstrauten polierten Bildern.

          Lucian Freud sprach nie vom Analysieren, sondern immer nur vom genauen Hinsehen („regard“, was Respekt miteinschließt). Es ermöglichte ihm, jene abgründigen Dimensionen wahrzunehmen und malerisch umzusetzen, die ihn selbst oder den vor ihm stehenden oder liegenden Menschen ganz unverwechselbar zu diesem einen atmenden Menschen machten. Den Aufwand, dort hinzugelangen, bezeichnete er als „trouble“. Das unbarmherzig Fleischliche in Freuds Akten wird als ehrlich, hässlich, aggressiv, auch als ausbeuterisch und dominierend wahrgenommen und verlieh Freud im Verein mit seiner völlig unangepassten Art, er selbst zu sein, den Ruf eines „Enfant terrible“.

          Der Prozess des Nachdenkens ist gegenwärtig

          Eine hervorragend konzipierte Ausstellung in Boston sollte Gelegenheit bieten, Freuds Entwicklung, seinen zunehmenden Tiefgang anhand von vierzig Selbstporträts aus den Jahren 1940 bis 2002 nachzuvollziehen. Die derzeit ausgesetzte Schau soll nach Ostern wiedereröffnet und dann bis zum 25. Mai verlängert werden. Sie beginnt mit der Gegenüberstellung eines frühen und eines späten Werks.

          Neben dem scheinbar glattgeschleckten, doch mit Pinseln aus Zobelhaaren farblich aufs feinste abgestuften „Mann mit einer Feder“ von 1943, hängt „Self-portrait, Reflection“ aus dem Jahr 2002, das den achtzigjährigen Freud im graugrünen Sakko und Schal, aber ohne Hemd zeigt. Die knochige rechte Hand greift in den Schal, der am Hals geknotet ist. Die Augen sehen konzentriert nach rechts in einen Spiegel außerhalb des Bildes, dessen „reflection“ der Linkshänder Freud im Begriff ist abzubilden. Freuds Miene ist ungläubig, misstrauisch, unzufrieden, der Mund zum Strich geschlossen. Dieser Ausdruck zusammen mit der Geste des Auf-sich-Weisens (Hand im Schal) repräsentiert die zweite Bedeutung von „reflection“: Nachdenken. In diesem Gesicht steht: Das soll nun ich sein? Und wenn ich das noch nicht bin, wie komme ich zum Ich? Der Prozess des Nachdenkens ist gegenwärtig im vielschichtigen Farbauftrag, der um Nase und Augen herum besonders stark ist.

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