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Museum Folkwang wird gratis : Ein Bürgergeschenk als kulturpolitisches Signal

Das Museum Folkwang ist ein Geschenk der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und ihres ehemaligen Vorsitzenden Berthold Beitz an die Bürger Essens. Mit dem Gratiseintritt setzt das Museum jetzt ein Signal in der Kulturpolitik.

          Es ist keine zwei Jahre her, dass Berthold Beitz am 30. Juli 2013, wenige Wochen vor seinem hundertsten Geburtstag, gestorben ist. Als Generalbevollmächtigter von Alfried Krupp, der ihn 1953 berufen hatte („Sie können handeln wie ein Eigentümer“), und nach dessen Tod 1967 als Vorsitzender der gemeinnützigen Stiftung, der das Stammkapital der Friedrich Krupp GmbH von fünfhundert Millionen Mark übertragen wurde, war der in Pommern geborene Beitz ein mächtiger und visionärer Patron, der sein vielfältiges mäzenatisches Wirken auf den Konzernsitz Essen fokussierte und im kulturellen Bereich 2006 mit einem Neubau für das Museum Folkwang krönte: Das „Geschenk der Stiftung an die Essener Bürger“, das, so seine einzige Bedingung, ein Architekt entwerfen sollte, „der auch in hundert Jahren noch bekannt ist“, wurde von David Chipperfield innerhalb kürzester Zeit realisiert und zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr 2010 eingeweiht.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dieses großzügige und großstädtische Haus hat dem Museum Folkwang und seiner dichten, herausragenden Sammlung der Moderne endlich angemessene Ausstellungsmöglichkeiten sowie eine neue, breitere Attraktivität und Ausstrahlung beschert, gerade auch über die Region hinaus. Und doch ist in Essen eine gewisse Reserve zu spüren; bis heute, mehr als fünf Jahre nach der vielbeachteten Eröffnung, wird das Museum nicht so aktiv und selbstverständlich angenommen und mit Leben erfüllt, wie das Geschenk gedacht war.

          Die Ausnahme wird zur Regel

          Der Anfang 2013 von Zürich ins Ruhrgebiet gekommene Direktor Tobia Bezzola hat das schnell erkannt und versucht, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Sammlung Eigentum der Essener Bürger ist, indem er zumindest tageweise die Bezahlschranke aufhob. Als an den vier Adventswochenenden des Jahres 2013 ein in Essen ansässiges Geldinstitut für den Einnahmeausfall aufkam, war die Resonanz überwältigend: Statt der üblichen achthundert kamen zwei- bis dreimal so viele Besucher. Doch erst in diesem Frühjahr konnte der Versuch fortgesetzt und, dank des Engagements mehrerer kleiner und mittlerer Unternehmen, an jedem dritten Samstag im Monat der Zutritt für die ständige Sammlung freigegeben werden.

          Was am heutigen Samstag erst zum dritten Mal als Ausnahme gelten sollte, wird jedoch fortan die Regel an allen Tagen sein. Gestern hat die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in Essen überraschend bekanntgegeben, dass das Museum Folkwang künftig auf ein Entgelt verzichten und sie den Verlust ausgleichen wird. Das gilt von sofort an und zunächst für fünf Jahre, der Förderbetrag beläuft sich auf insgesamt eine Million Euro, ein Bruchteil der 55 Millionen Euro, die der Neubau gekostet hat, und doch eine beträchtliche Summe dafür, dass diesmal nicht in das (repräsentative) Gehäuse, sondern in den Unterhalt des Museums investiert wird. Das Engagement von Beitz wird damit fortgeführt und postum vollendet: Geschenk an die Essener Bürger, das meint nun auch jene, für die der Eintritt eine Hürde darstellt.

          Ein neues Verhältnis von Kunst und Gesellschaft

          Das kulturpolitische Signal, das diese Entscheidung auslöst, reicht weit über Essen hinaus. Die in vielen Städten mit bewunderndem Seitenblick auf Großbritannien geführte Diskussion über freien Museumseintritt erhält einen Schub, der andere Kommunen unter Zugzwang setzen und ein Umdenken einleiten wird. Was das Museum Folkwang aus den neuen Möglichkeiten machen, inwieweit es ein anderes, bildungsfernes Publikum gewinnen, auch im Norden der Stadt, die Autobahn und Bahnlinie wie ein Sozialäquator durchschneiden, stärker Fuß fassen und so womöglich zu deren Zusammenhalt beitragen kann - diese und andere Folgewirkungen gilt es genau zu beobachten und als Grundlage einer demokratischen Stadtkultur zu reflektieren, deren Schatzhäuser mit Steuergeldern betrieben werden und die Bürger schon aus Gründen der Gerechtigkeit nicht noch einmal zur Kasse bitten sollten. Wie sich das Nutzerverhalten ändern wird, ist eine spannende Frage: Werden Besucher künftig selbstverständlicher, etwa auch kurz in der Mittagspause oder beim Einkaufsbummel für einen Abstecher ins Museum kommen?

          Dass die Fragen zum Verhältnis von Kunst und Gesellschaft, die sich hier stellen, im Ruhrgebiet neu angestoßen werden, trifft sich gut. Stehen sie doch in der Tradition eines Karl Ernst Osthaus, der das Museum Folkwang - der Name ist der „Edda“ entlehnt und bedeutet „Halle des Volkes“ - 1902 in Hagen gegründet hat, um „unseren kunstverlassenen Industriebezirk an der Ruhr für das moderne Kunstschaffen zu gewinnen“. Schon als seine eminente Sammlung zeitgenössischer Gemälde 1922, ein Jahr nach seinem frühen Tod, von der Stadt Essen - mit Unterstützung von Krupp - erworben wurde, waren solche Zielsetzungen aus dem Stadium der Absichtserklärung getreten, als Vorurteile haften sie dem Ruhrgebiet gleichwohl weiter an. So lenkt die Initiative der Krupp-Stiftung die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine Region, die noch immer unter ihrem Wert wahrgenommen wird. Glück auf!

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