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Zukunftsvision : Architekten, baut Häuser wie Kostüme!

  • -Aktualisiert am

Avantgarde: Die drei Damen in der Zauberflöten-Inszenierung der Staatsoper Unter den Linden können aus ihren Brüsten schießen. Bild: dpa

Die Antwerp Six haben die Mode revolutioniert. Doch jetzt bedienen sie sich im Formenarsenal der Architektur und der Bildhauerei – und werden damit immer mehr zum Vorbild für andere Künste.

          Vor kurzem hat der belgische Modemacher Walter Van Beirendonck in Berlin die Kostüme für die „Zauberflöte“ an der Staatsoper gestaltet. Was man dort sah, wirkte aber gar nicht wie das, was man sich unter Kostüm oder Mode vorstellt, sondern erinnerte eher an avantgardistische Architektur, die surrealerweise Beine bekommen hatte: Tamino trat in einem Kostüm mit Holzmaserung an, Papageno trägt ein Gerüst als Kostüm, Papagena einen Kran-Anker, an dem sie bei Bedarf wie Baumaterial über die Bühne gehievt werden kann, die drei Damen nehmen bei Van Beirendonck die Form einer Wolke an, wie sie Frank Gehry nicht schöner hingeknittert hätte, und sie können Laserstrahlen aus ihren Brüsten schießen lassen, die feine Linien in den Raum zeichnen.

          Selten waren sich Kostümbild und Avantgardearchitektur so nahe. Wer ist dieser Mann, der Architekten und Theaterpublikum gleichermaßen fesselt und „Mode“, wie einmal das Fachblatt „Bauwelt“ begeistert formulierte, noch dichter an die architektonische „Moderne“ bringt, als die Etymologie beide Begriffe vereint?

          Der belgische Modedesigner Walter Van Beirendonck bei der Präsentation seiner Kollektion auf der Fashion Week im Januar 2019 in Paris.

          Van Beirendonck, geboren 1957 und heute Direktor an der Modeschule in Antwerpen, wurde Mitte der achtziger Jahre bekannt als Mitglied der sogenannten Antwerp Six, einer Gruppe junger Modemacher, zu denen auch Kaat Debo, heute Direktorin des Modemuseums MoMu in Antwerpen, Geert Bruloot, Besitzer des legendären Schuhgeschäfts Coccodrillo, dazu Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Van Saene, Dirk Bikkembergs und Marina Yee gehörten.

          Wer sind Antwerp Six ?

          Sie traten 1986 in London zusammen als neue Bewegung auf, eine einflussreiche PR-Dame, Marysia Woronycka, wurde auf sie aufmerksam, erinnert Walter Van Beirendonck: „Nicht ein guter Fang, sondern gleich sechs! Aber weil unsere Namen für die englische Presse vollkommen unaussprechbar waren, wurden wir von da an nur noch die Antwerp Six genannt.“ In London entstand damals nicht nur der Name, sondern gleich der Mythos einer veritablen Bewegung, die Mode jenseits von Gattungsgrenzen ins Feld von Architektur und Kunst ausdehnt – und beide in ihre Welt hineinlässt.

          Die Kostüme zur Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“ an der Staatsoper in Berlin sind aktuell von Modemacher Walter Van Beirendonck entworfen worden.

          „Wir hatten diesen Ehrgeiz, jede Möglichkeit auszuprobieren, Dinge gemeinsam zu unternehmen, gemeinsam zu reisen“, sagt Van Beirendonck: „Nach Paris, London, New York, später sind wir sogar zusammen nach Japan geflogen, zweimal.“ Immer zu sechst? – Immer zu sechst, manchmal zu siebt. Martin Margiela war auch immer wieder dabei, er hat Belgien erst verlassen, als er zu Gaultier ging.

          Geert Bruloot, der neben seinem erfolgreichen Schuhladen den Kleiderladen „Louis“ eröffnet hatte, in dem er ausschließlich belgische Designer, im wesentlichen natürlich die Antwerp Six verkauft, berichtet: „Plötzlich wurde dieser Laden zu einem Treffpunkt der Studenten der Modeakademie. Sie waren alle täglich dort, um Kunst, Mode, Musik, Politik und vieles andere mehr zu besprechen.“

          Ein Bild wie aus einem Jump ’n’ Run-Spiel: Julian Prégardien als Tamino in der Zauberflöte

          Dries Van Notens Vater hatte einen Mode-Shop. Daher kannte Van Noten diese Welt schon ein bisschen, er war schon in Paris gewesen. Ann Demeulemeester war über ihren Mann mehr auf Fotografie fokussiert, und so hatte jeder seine kleine eigene Nische. In Beirendoncks Worten: „All das kam dann zusammen und ist geradezu explodiert!“

          Wenn man Geert Bruloot danach fragt, was die Antwerp Six gemeinsam haben, so kommt wie aus der Pistole geschossen ein Wort: „Handwerk!“ Dann erläutert er weiter: „Sie haben alle ein Gefühl für die Konstruktion von Kleidung. Sie sind wie Architekten mit Textilien. Außerdem haben sie alle Respekt vor der Tradition. Das ist ihr Ausgangspunkt.“

          Das Geheimnis der Antwerp Six scheint zu einem Großteil in der inzwischen legendären Modeschule begründet zu liegen, deren Direktor seit 2006 kein anderer als Walter Van Beirendonck ist: „Als ich angefangen habe, waren unsere Lehrer zwei Frauen: Mary Prijot, die die Schule gegründet hat, und 1983 kam Linda Loppa.“

          Models auf der Schau von Walter Van Beirendonck im Januar in Paris

          Wodurch unterscheidet sich Antwerpen von anderen Modeschulen? Und wie kann man sie sich vorstellen? Debo betont: „Es geht auch um die Fähigkeit zu wissen, wie man seine eigenen Ideen umsetzen kann. Manche Schulen, wie beispielsweise das St. Martins College, starten sofort am Mannequin und am Computer.“ In Antwerpen war, wie an traditionellen Architekturschulen, „das Zeichnen immer noch wichtig. Da geht es um das Handwerk. Zuerst müssen die Ideen aufs Papier. Wenn das Konzept nicht gut ist, hilft auch die beste Ausführung nichts.“

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