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Reformations-Ausstellung : Ohne Ablass geht hier keiner nach Haus

Wie groß das Thema Reformation schon vor Luther war, davon kann man sich im Mainzer Dom- und Diözesanmuseum überzeugen: Die katholische Sicht auf die Dinge im sechzehnten Jahrhundert ist ganz schön aufgeklärt.

          Im mittlerweile kaum mehr überschaubaren Reigen der Ausstellungen zum Reformationsjubiläum fehlte bislang aus einleuchtenden Gründen eine große Schau aus katholischer Sicht. Nun ist auch diese Lücke geschlossen, aber wer erwartet hätte, es ginge dabei gegenreformatorisch zu, wird angenehm enttäuscht. Das Dom- und Diözesanmuseum in Mainz stellt eine verblüffend simple, aber umso eindrucksvoller belegte These in den Mittelpunkt seines Projekts: Luther nahm eine im Deutschen Reich verbreitete Zeitstimmung auf, als er 1517 in Wittenberg seine Thesen anschlug. Und wie könnte man das besser zeigen als durch die Dokumentation vorreformatorischer Lebensumstände in einer ganz anderen, weit entfernten Gegend, nämlich am Mittelrhein. Im Bistum Mainz eben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das war nun nicht irgendein kirchliches Herrschaftsgebiet, sondern der Fürstbischof war zugleich auch Erzkanzler des Reiches, pro forma also der Ranghöchste nach dem Kaiser. Deshalb war der Posten begehrt, und 1514 ging er an Albrecht von Brandenburg, der bereits Bischof von Magdeburg war und durch den Erwerb der Kurwürde von Mainz zu einem der Mächtigsten im Reich wurde - obwohl er als Dreiundzwanzigjähriger noch gar nicht Erzbischof hätte werden dürfen. Seine dubiosen Finanzierungspraktiken über den Ablasshandel waren unmittelbarer Auslöser von Luthers Thesenanschlag - so viel weiß man. Die Mainzer Ausstellung aber weiß noch viel mehr.

          Als der Bischof Worms im Stich ließ

          Das beginnt gleich damit, dass neben Mainz auch die beiden nahe gelegenen Städte Worms und Frankfurt in der Zeit um 1500 vorgestellt werden. Beide erlebten bereits vor 1517 „Reformacionen“ - so nannte man damals den Übergang zum Römischen Recht, das dem Stadtbürgertum dienlich war und die Geistlichkeit verärgerte. In Worms verließ nach der dortigen „Reformacion“ von 1499 der Bischof mit seinem Klerus die Stadt und überließ die Bürger sich selbst. Das aber war denen auch nicht recht, denn nun war ihr Seelenheil in Gefahr: ohne Priester keine Kommunion, keine Taufe, keine Beichte, keine Sterbesakramente. Stattdessen die Aussicht auf ewige Verdammnis.

          Die Ausstellung kann an vielen Objekten zeigen, wie bitterernst man es um 1500 mit der Religion nahm, und nicht immer war der Ausweg so zufriedenstellend wie in Worms, wo während der zehnjährigen Abwesenheit der hohen Geistlichkeit die Bettelorden einsprangen. Das halbe absolvierte Jahrtausend war Anlass für apokalyptische Erwartungen, und umso wichtiger war es, fürs eigene Nachleben vorzusorgen. Deshalb eskalierte der Ablasshandel, und passend zum heiklen Datum rief der Papst ein Heiliges Jahr aus. Der katholischen Kirche fiel in internen Krisenzeiten schon seinerzeit dasselbe ein wie heute.

          Solche Aktionen, die vor allem auf Geldzufluss abstellten, kamen beim wohlhabenden Stadtbürgertum schlecht an, und wo es ein prosperierendes Landleben gab wie etwa im zu Mainz gehörenden Rheingau, da regte sich der Wunsch nach Geistlichen, die sich der Gemeinde und nicht der Kirche verpflichtet fühlen, besonders laut - als „Schrei nach Gerechtigkeit“, wie die Schau konsequenterweise heißt. Viele damalige lokale Ereignisse werden durch Abbildungen, Bücher und Urkunden lebendig gemacht, und selbstverständlich fehlen weder die in Reformationsausstellungen ubiquitären Ablassbriefe noch die Geldtruhe.

          Die erste Hälfte der Mainzer Schau ist durch den sorgsam erarbeiteten regionalen Aspekt trotzdem hochinteressant; leider ist der zweite Teil, der sich der lokalen Kunstproduktion jener Epoche widmet, wenig mehr als eine Versammlung der entsprechenden eigenen Museumsobjekte. Würde nicht gerade die Kirche St. Valentinus in Kiedrich renoviert, fehlten der Schau die interessantesten Stücke. Gerade diese sämtlich um 1500 erworbenen, bis heute benutzten Ausstattungsgegenstände sind in ihrer Betonung des Stolzes der Rheingauer viel aussagekräftiger als die zahlreichen, aber meist nach rein ästhetischen Aspekten zusammengestellten Museumsstücke.

          Allegorie der guten Regierung

          Die Ausstellung liegt unmittelbar vor einer Neukonzeption des Dom- und Diözesanmuseums, und leider hat man die Chance nicht genutzt, den eigenen Bestand schon jetzt neu zu bewerten. Aber was man als Besucher bis dahin schon über die unmittelbare Vorreformationszeit gelernt hat, ist spektakulär genug. Zumal noch vor Betreten des kulturhistorischen Teils in den ehemaligen Kapitelsälen erstmals seit Jahrzehnten die Reste eines Freskos aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert zu sehen sind, das eine Allegorie der guten Regierung zeigt. Durch Kriegszerstörung ist vom ursprünglichen Motiv nur noch die durch eine Frau personifizierte Armut zu sehen; das Glück ist ganz verschwunden, die Gerechtigkeit selbst schwer angeschlagen. Es ist, als wäre dieses Fragment ein Abbild dessen, was die Menschen um 1500 an ihrer Welt und vor allem ihrer Kirche zu bemängeln hatten.

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