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Das Leipziger Grassimuseum : Glattes Glashaus im rauhen Porphyr

Ein Modell für Deutschland: Zum ersten Mal seit 1939 ist das Leipziger Grassimuseum wieder in voller Pracht zu sehen. Am Sonntag wird der letzte Teil der neuen Dauerausstellung eröffnet.

          Dieser Anfang ist ein großer Wurf, den man in all seiner Symbolkraft kaum genug würdigen kann: Am Beginn des nun endlich komplettierten Parcours durch das Grassimuseum für angewandte Kunst in Leipzig steht die Büste des Jean d’Aire. Das ist der Schlüsselträger aus Rodins berühmter Figurengruppe der Bürger von Calais, und hier haben wir es mit der Ausformung eines Teils davon in Steinzeug zu tun, 1905 mit Billigung des Bildhauers von Paul Jeanneney angefertigt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein Schlüsselträger zum Auftakt, das passt. Und da uns später als letztes der zweitausend Objekte aus der Zeit von Jugendstil bis Gegenwart, die hier präsentiert sind, eine weitere Büste verabschiedet - diesmal aus Porzellan, das Selbstbildnis des Leipziger Künstlers Sebastian Gögel -, schließt sich dort ein Kreis.

          Und das ist nicht der einzige. Der lebensgroße Jean d’Aire konnte vor zehn Jahren für das Museum erworben werden, als eines von insgesamt 17.000 Objekten, die im letzten Jahrzehnt neu ins Haus gekommen sind. Die meisten davon waren Schenkungen. Das zeigt die wiedergewonnene Bedeutung des 1874 begründeten Museums, das seit 1929 in einem spektakulären Art-déco-Komplex aus rotem Porphyrstein residiert, zusammen mit Völkerkunde- und Musikinstrumentenmuseum.

          Welch ein Festtag für die Stadt!

          Aber nur zehn von diesen 83 Jahren war das Gebäude vollständig zugänglich. Mit Kriegsbeginn 1939 schloss es, später wurde es durch Bomben schwer beschädigt und zu DDR-Zeiten nur notdürftig instand gesetzt. Besonders die Trakte des Museums für angewandte Kunst lagen in Trümmern.

          Seit 2007 sind die einzelnen Dauerausstellungsteile neueröffnet worden, erst die Sammlungsbestände bis zum Historismus, 2010 dann die Räume für asiatisches Kunsthandwerk, und nun ist mit der Abteilung fürs zwanzigste Jahrhundert die Rückgewinnung des Grassi-Komplexes als eines der sehenswertesten deutschen Museumszentren abgeschlossen. Es ist ein Festtag für Leipzig und ganz speziell für Eva Maria Hoyer, die Direktorin des Museums für angewandte Kunst, die zwanzig Jahre lang nimmermüde dafür gekämpft hat, die große Tradition ihres Hauses wiederzubeleben.

          Ihr Amtsvorgänger Richard Graul hatte den Ruf des Grassimuseums begründet, als er als einer der Ersten im großen Stil Jugendstilobjekte erwarb, vor allem auf der Pariser Weltausstellung von 1900. Nicht einmal die Ausstellungsarchitektur war vor ihm sicher: In eine der Stellwände im ersten Raum des neuen Ausstellungsteils ist ein fünf Meter breiter Wandfries eingelassen, den der später berühmte französische Tiermaler Paul Jouve entworfen hat. Ehedem schmückte er den Haupteingang der Weltausstellung, seither war er nie mehr zu sehen gewesen. Noch so ein Symbol zum Auftakt.

          Sammelstätte der aktuellsten Strömungen

          Leipzigs Museum für angewandte Kunst verstand sich unter Graul - und so ist es heute wieder - als Sammelstätte für die aktuellsten Strömungen im Kunstgewerbe. Das wurde von 1920 an forciert durch die Etablierung der jährlichen Grassimessen, auf denen Kunsthandwerker ihre neuesten Werke ausstellten - und das Museum kräftig ankaufte.

          Auch das gelungenste Arrangement in der Neupräsentation, ein riesiger und doch schwebend wirkender Glaskubus, verdankt sich dieser Traditionslinie. Er enthält industriell gefertigte Glasarbeiten von Wilhelm Wagenfeld, arrangiert auf von Lily Reich angefertigten Ausstellungsmöbeln, die eigens für die Grassimesse von 1936 gestaltet wurden. Im Krieg sind sie zwar irreparabel beschädigt worden, doch für die neue Sammlungspräsentation ist es gelungen, sie anhand von Entwurfszeichnungen, die im Museum of Modern Art in New York erhalten blieben, nachzubauen. Dies Glashaus im Porphyrhaus ist ein Wunder.

          Wie überhaupt trotz der durch moderne Bauvorschriften beschränkten Möglichkeiten großartige Lösungen auf den insgesamt 1200 zusätzlichen Quadratmetern gefunden wurden. Im ersten Stock, wo Jugendstil, Art déco und Funktionalismus (durch die nahe bei Leipzig gelegenen Werkstätten des Bauhauses und der Burg Giebichenstein sehr gut vertreten) die Zeitspanne bis zum Zweiten Weltkrieg umfassen, herrschen kleinteilige Raumeinteilungen vor.

          Immer wieder gibt es anschaulich nachempfundene Innenräume aus Wohnungen, für die man auf so wichtige Ensembles zurückgreifen kann wie ein komplettes Art-déco-Speisezimmer der Leipziger Familie Treusch oder dann gleich um die Ecke eine funktionalistisch-karge Kücheneinrichtung, die Erich Diekmann 1927 entworfen hatte und die den bedeutenden, in Leipzig geborenen Kunsthistoriker Nikolaus Pevsner bis ins Londoner Exil begleitete. Hinter jeder Trennwand warten solche Überraschungen.

          Ostdesign, Westdesign

          Im Erdgeschoss dagegen, wo die Objekte der Nachkriegszeit ihren Platz gefunden haben, fällt die Präsentation ganz anders aus. Der lange Trakt ist komplett einsehbar - wie eine Kunsthalle. Der weitgehende Verzicht auf feste Installationen soll es ermöglichen, die hier auf gerade einmal sechshundert Stück begrenzte Auswahl aus dem gewaltigen Gegenwartsbestand des Museums häufiger zu wechseln. Dass das Design der DDR dabei einen Schwerpunkt bietet, ist klar. Aber wie reizvoll es ist, zum Beispiel die westdeutschen Geräte der Firma Braun neben den etwas späteren, aber durchaus ähnlichen des ostdeutschen Herstellers Heliradio zu sehen, das hätte man kaum gedacht.

          Natürlich gibt es ankaufsbedingt (die DDR gab wenig Devisen dafür frei) Lücken in Leipzig. Amerikanisches, englisches, französisches Design ist nur rudimentär vertreten. Doch das Museum müht sich um Abhilfe. So ist im Erdgeschoss etwa das englische Wohn- und Arbeitsensemble zu sehen, das Ron Arad in den achtziger Jahren aus Stahlelementen erstellt hat. Im loftartigen Raum der Gegenwartsabteilung kommt dieser Ankauf von 1996 in einer Kabinettnische besonders gut zur Geltung. Und pünktlich zur Eröffnungsfeier am Sonntag wird eine weitere Lücke geschlossen, denn das Grassimuseum erhält zu diesem Anlass eine Schenkung zeitgenössischer Studiokeramik.

          Bauhausartiger Blickfang

          Sechs Bildschirmkabinette und ganz am Ende des Rundgangs eine von dem Farb- und Lichtforscher Axel Buether mit seinen Studenten entworfene multimediale Rauminstallation sind technische Einrichtungen auf dem neuesten Stand. Dennoch entstand das schönste Element als Notlösung: eine kleine Treppe, die von der Vor- in die Nachkriegszeit führt. Der Denkmalschutz gestattete keinen Umbau, also ließen die Ausstellungsmacher die Wände des steilen Treppenhauses in verschiedenen Farben streichen, hängten einige von Wagenfeld entworfene Kandem-Leuchten an die Decke und schufen durch Milchverglasung einer geometrisch gerasterten Außentür einen subtilen bauhausartigen Blickfang an den Fuß der frisch restaurierten Porphyrstufen.

          Das Haus selbst ist eben das größte Kunstwerk im Bestand des Grassimuseums, und es wird fortan mit größtem Geschick inszeniert.

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