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Fotograf Harald Hauswald : Präziser als Politik ist die Traurigkeit

Große Erwartungen: Jugendliche Besucher beim Konzert der schottischen Rockband Big Country in der Radrennbahn von Berlin-Weißensee, 1988 Bild: Harald Hauswald/OSTKREUZ

Mehr als zehn Jahre lang dokumentierte Harald Hauswald mit der Kamera das öffentliche Leben und die Stimmung in der DDR. Eine Ausstellung bei C/O Berlin zeigt das Gesamtwerk des Fotografen.

          4 Min.

          In einer Aufnahme, die Harald Hauswald 1982 im Ostseebad Heringsdorf gemacht hat, sitzt eine etwa zwanzigköpfige Gruppe von Menschen, Erwachsene und Kinder, am Strand. Die meisten schauen, den Rücken zum Fotografen, aufs Wasser, ein Junge deutet mit der linken Hand in die Ferne, eine Frau mit Handtasche schaut ihn an, ein Mann im Anorak tritt von links ins Bild. Man kann bei dieser Szene an Richard Oelzes Gemälde „Erwartung“ denken, an die Filme des Griechen Theo Angelopoulos, in denen das Meer eine wichtige Rolle spielt, oder gar an Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“, in dem die Horizontlinie wie hier, nur tiefer, das Bild durchschneidet. Und vielleicht hat auch Harald Hauswald daran gedacht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber sein Foto bleibt auch ohne diese Verweise lebendig. Es lebt, weil es dem Moment Form gibt, ohne ihn zu überformen. Er versuche den Lebensfilm eines ganzen Tages so in einem Moment zu verdichten, dass sich der Betrachter den Rest dazudenken könne, hat Hauswald über seine Arbeit als Fotograf gesagt. Das gilt auch hier. Die Gruppe wird wieder auseinandergehen, sich in mehrere Urlauberfamilien sortieren, aber die Kamera hält sie in jenem Augenblick fest, in dem sie im Angesicht des Meeres zur Gemeinschaft wird, zum Inbild von Erwartung.

          Sehnsucht nach der Ferne

          Dieselbe Grundstimmung des Wartens und Abwartens findet man, wenn man von hier aus durch die Retrospektive läuft, die das Fotografiezentrum C/O Berlin im Amerikahaus für Harald Hauswald eingerichtet hat, in vielen Fotos, die er zwischen 1979 und dem Mauerfall in der DDR aufgenommen hat. Denn Hauswald hat nie nur den Verfall der späten Arbeiter-und-Bauern-Republik dokumentiert, sondern immer wieder auch die Hoffnungen eingefangen, die inmitten der Misere blühten. In einer Aufnahme vom Pfingsttreffen der FDJ 1984 steht ein Indianerzelt mit Büffelaufdruck vor einem mit DDR-Fahnen behängten Plattenbau. Ein Foto vom Auftritt der Rockband Big Country in Berlin vier Jahre später hält die gespannte Vorfreude auf den Gesichtern der Jugendlichen fest, die sich auf der Radrennbahn in Weißensee zusammendrängen. Die Sehnsucht nach der Ferne war der sozialistischen Enge eingeschrieben, sie suchte sich zahllose Ausgänge im Alltag, bis das System sie nicht mehr auffangen konnte und an ihr zerbrach.

          Unterwegs in die Zukunft: Ein Paar auf einem Schwalbe-Motorrad, Borna/DDR, 1984 Bilderstrecke
          Harald Hauswalds Bilder : Beobachtungen aus dem Alltag der DDR

          Aber es gab auch die dunkle Seite, das offensichtliche Elend der alternden DDR. Ein Mann liegt betrunken auf dem Rücken im U-Bahnhof Dimitroffstraße. Ein anderer greift in einen Mülleimer am Alexanderplatz. Ein Laden, schon lange geschlossen, bietet „Reparaturen sämtl. Systeme“ an. Am Prenzlauer Berg bröckeln die Altbauten ihrem Abriss entgegen. Hauswald, in Radebeul bei Dresden geboren und lange Zeit ohne Verdienstmöglichkeit als Fotograf, hatte mit Straßen- und Stimmungsbildern angefangen. Erst ein Teilzeitjob für die Stephanus-Stiftung, die für die Pflege von Behinderten sorgt, weckte sein Interesse an der Porträtfotografie.

          In seinen besten Arbeiten kommt beides zusammen. Hauswalds Aufnahme dreier Männer in der U-Bahn-Linie A zieht die Bilanz des Lebensgefühls in Ost-Berlin. Das Foto ist an einer Haltestelle aufgenommen; der Mann in der Mitte blickt haarscharf an der Kamera vorbei, die beiden anderen schauen aus den Fenstern. Aber ihre Gleichgültigkeit ist nicht gespielt wie bei heutigen Mitfahrern. Ihnen ist wirklich egal, was passiert, sie tragen ihre Maske wie eine Ausgehuniform. Oder die alte Frau, die in der Kastanienallee eine Wurst im Gehen isst, hinter ihr die Straßenbahn, die Mietshäuser, Passanten mit Einkaufstaschen. Das ganze Dasein in einem Bild.

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