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DDR-Fotos von Helga Paris : Nur Gesichter bannen die Tristesse

Jedes Porträt eine Unabhängigkeitserklärung: Helga Paris, aus der Serie Hellersdorf, 1998 Bild: Helga Paris

In der DDR lag die Wahrheit über den Sozialismus auf der Straße, aber es brauchte Mut und Kaltblütigkeit, sie festzuhalten. Beides besaß die Fotografin Helga Paris. Die Berliner Akademie der Künste zeigt ihr Werk.

          3 Min.

          Vor ein paar Jahren kam der Film „The Five Obstructions“ ins Kino, den Lars von Trier zusammen mit seinem dänischen Regiekollegen Jørgen Leth produziert hatte. Darin musste Leth fünf Kurzfilme drehen, deren teils absurde Vorgaben – keine anderen Menschen im Bild, Zeichentrick, Schnitte im Halbsekundentakt – von Trier willkürlich festlegte. Wendete man dieses Prinzip auf die Arbeit der Berliner Fotografin Helga Paris vor 1989 an, dann hätten ihre fünf Vorgaben so gelautet: Keine Farbfotos. Keine Hilfsmittel wie Blitz oder Weitwinkel. Keine Landschaften. Keine Ereignisfotografie. Und als Schauplatz nur der europäische Osten zwischen Elbe und Bug, die Welt des real existierenden und erlöschenden Sozialismus.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei Helga Paris wird diese Welt zum handelnden Subjekt. Sie schlägt die Augen auf, sie schaut in die Kamera, als läge dahinter das Morgen, das der Arbeiter- und Bauernstaat versprochen hat. Sie blickt aus der Gegenwart in die Zukunft. 1984 fotografiert Helga Paris im Auftrag des Kulturbunds der DDR Arbeiterinnen im Ost-Berliner Bekleidungswerk VEB Treffmodelle. Ihre Aufnahmen zeigen keine Werkshallen voller Nähmaschinen, sondern Frauen in der Pause. Sie tragen Schürzen, jede mit einem anderen Muster. Eine raucht. Eine hält einen Stift. Eine lehnt sich ans Geländer. Ihre Gesichter sind trotzig, resigniert, herausfordernd, selbstgewiss oder erschöpft. Jedes Bild eine Unabhängigkeitserklärung, ein Manifest des Eigensinns im Einheitsstaat.

          Der Druck, den Alltag wahrzunehmen

          In der Ausstellung, mit der die Berliner Akademie der Künste das Lebenswerk der Fotografin würdigt, werden die DDR-Aufnahmen von Helga Paris ihren Arbeiten seit 1990 gegenübergestellt. Man spürt den Stimmungswechsel, der mit der Reisefreiheit verbunden ist, etwa in der Lichtregie einer Fotoserie von einem russischen Veteranentreffen in New York. Auch die Vorbilder wie William Klein oder Cartier-Bresson sind jetzt klarer erkennbar. Unübersehbar ist aber auch, dass die innere Spannung des Frühwerks in den späten Bildern fehlt.

          Der sozialistische Alltag hat einen Wahrnehmungsdruck erzeugt, der nach dem Mauerfall nicht mehr existierte. Die Wahrheit lag auf der Straße, aber es brauchte Mut und Kaltblütigkeit, sie festzuhalten. Ihre ersten Fotos hat Helga Paris im Familienkreis gemacht, unter Nachbarn und Freunden, in Wohnzimmern, Gärten, Datschen, auf Hochzeiten und Kostümfesten. Aber dann, immer öfter, traute sie sich hinaus.

          Zwischenbilanz des Lebens: „Selbst im Spiegel“, 1971 Bilderstrecke

          Im Zentrum der Berliner Ausstellung steht eine Wand mit zwölf Selbstporträts aus den achtziger Jahren. In ihnen schaut die Fotografin sich selbst unbarmherziger an als jedes andere ihrer Motive. Man könnte sagen, sie nimmt Maß für ihr Duell mit der Realität. Im Gespräch mit der Kuratorin Inka Schube hat Helga Paris von der Erleichterung erzählt, die es bedeutete, die eigene Schwermut im Bild abzuarbeiten. Dieselbe Haltung spricht aus ihren Menschen- und Straßenbildern: Alles wird leichter, wenn man es fotografiert.

          Zu den Entdeckungen der Ausstellung gehört eine Serie von Aufnahmen aus dem Leipziger Hauptbahnhof von 1982. Die Passanten eilen durch die Bahnhofshalle, als könnte man mit den Zügen wirklich überall hinfahren. Ein Junge ruht sich vor einem Lottostand aus. Eine Serviererin blickt ins Leere wie auf einem Gemälde von Mattheuer. Die Kamera hält ihre Traurigkeit fest wie ein Schmuckstück, das sie im Fundbüro abgeben will.

          Sterbende Altbauten im Smog

          Im Winter 1983 fährt Helga Paris nach Halle, in die Stadt, in der ihre Tochter studiert, und beginnt mit der Serie „Häuser und Gesichter“. Drei Jahre später soll sie in einer Ausstellung gezeigt werden. Auf Druck der SED-Bezirksleitung wird die Eröffnung mehrfach verschoben und schließlich abgesagt, erst im Januar 1990 kann die Ausstellung stattfinden.

          Der Skandal, der in den Fotos aus Halle liegt, ist aus dem Abstand von dreißig Jahren nicht geringer geworden. Sie dokumentieren eine Stadt, die dem Verfall preisgegeben wird. Ein Jugendstilbau am Fluss wartet mit abgedeckten Dächern auf seinen Abriss. Ein Fachwerkhaus mit zerschlagenen Fensterscheiben ragt wie ein abgerissener Schiffsbug aus dem Smog. Die Bewohner der sterbenden Altbauten laufen mit verhängter Miene durch die Straßen. Aber auch hier findet die Kamera Gesichter, die der Tristesse widerstehen. Drei Kinder mit einem Fußball. Eine Rentnerin mit einer Hutfeder. Eine Schwangere im Cordmantel. Das Elend der späten DDR lässt den Glanz der Begegnungen, von denen die Fotografin erzählt, noch heller strahlen.

          Helga Paris, 1938 geboren, ist im brandenburgischen Zossen aufgewachsen, wo vor 1945 das Oberkommando der Wehrmacht und ab 1954 die Zentrale der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland untergebracht war. Ihre Reisebilder, Stadtansichten, Porträts der Künstler-Boheme und der Punk-Jugend der frühen Achtziger sind auch ein Gegenentwurf zu einer Kindheit ohne Horizont. Erst 1994 kehrte die Fotografin nach Zossen zurück, um die verlorene Zeit wiederzufinden. Viele ihrer „Erinnerungen an Z.“ sind absichtsvoll verwischt: Ruinen, Zäune, Uniformierte im Wald, ein tanzendes Paar. Aus dieser Galerie der Unschärfe tritt wie ein Phantom das Foto eines Affen mit schwarzem Kopf und milchweißen Augen hervor. Ein Schreckgespenst. Aber auch ein Zeugnis der Heimkehr. Denn die Ängste der Kindheit, verborgen im Schatten der Bäume, sind jetzt im Bild gebannt.

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