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Bruegel-Ausstellung in Wien : Stillgestellte Zeit in Eisbildern

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Pieter Bruegel d. Ä.: Die Jäger im Schnee (1565) Bild: Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

In einer fulminanten Schau im Kunsthistorischen Museum Wien sind die Bilder von Pieter Bruegel dem Älteren zu erleben. Sie erkunden die Unsicherheiten des Sehens und alles, was schwer malbar ist.

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          Gott verrätselt seine Schöpfung in der Zeit. So jedenfalls sah es der Kirchenvater Augustinus, der im elften Buch seiner „Confessiones“ auf die Schwierigkeit hinwies, das Wesen der Zeit genauer zu bestimmen. Zeit wird dem Theologen insofern zum Mysterium, als sich diese durch den inneren Widerspruch von Dauer und Vergehen definiert. Sie wird zur Spur, in der Anwesenheit und Abwesenheit paradoxerweise zusammenfallen.

          Kein anderer Maler hat dieses Paradoxon so eindringlich zu schildern vermocht wie Pieter Bruegel der Ältere. Seine großformatige Tafel „Die Heimkehr der Jäger“ aus dem Jahre 1565 zeigt eine Gruppe von Männern im Schnee, die mit ihren Hunden von der Jagd zurückkehren. Einen Fuchs haben sie zur Strecke gebracht, den einer der Jäger auf dem Rücken trägt. Tief versinken ihre Füße im Schnee, der Weg ist mühsam. Die Szene ereignet sich vor einem gewaltigen Gebirgspanorama aus Schnee und Eis. Bedrohlich wirken die Berge in der Ferne, undurchsichtig erscheint die schneeverhangene Luft. Zugleich blicken wir hinab ins Tal, wo sich ein kleines Städtchen befindet. Hier laufen Menschen Schlittschuh oder tragen Feuerholz durch diese unwirtliche Welt. Zahlreiche Vögel sitzen in den Bäumen, und eine Elster fliegt durch die Luft. Es ist, als stünde sie für einen Moment still, so als könnte man den Film anhalten und dann wieder weiterlaufen lassen.

          Schon das Wintermotiv an sich ist vom Künstler beeindruckend dargestellt. Zudem gelingt es Bruegel, über die kleinformatig gestalteten Figuren den Betrachter nah ans Bild zu führen, so dass ein panoramatischer Effekt entsteht und unser Sehfeld komplett durch die Landschaft ausgefüllt wird: Wir befinden uns nun im Bild. Die über das Eis gleitenden Menschen sind ihrer Erdenschwere enthoben, sie bilden einen Gegensatz zur Jägergruppe mit müdem Schritt. Zeit verräumlicht sich in immer anderer Form, so wird das eingefrorene Mühlrad zum Bild still gestellter Zeit. Wenn man sich immer weiter angenähert hat, entdeckt man auf dem Weg hinter den Teichen rechts einen winzig kleinen Jäger. Er ist im Begriff, eine Muskete abzufeuern, sehen wir in diesem Augenblick doch das Mündungsfeuer aufblitzen. Neben der Ewigkeit der Berglandschaft kommt die Mikrosekunde des Abfeuerns zu stehen. Maximale und minimale Zeitdauer sind zugleich im Bild dargestellt. Die Holztafel des Flamen ist Teil einer Serie von Landschaften, die Pieter Bruegel der Ältere für den Antwerpener Steuerbeamten Niclaes Jonghelinck gemalt hat. Durch eine Bürgschaft sind wir darüber informiert, dass er vierzehn Bilder des Künstlers besaß, der seine Werke fast ausschließlich für eine bürgerliche Elite produzierte. Fünf der ursprünglich sechs Tafeln sind überliefert und vier davon augenblicklich im Kunsthistorischen Museum Wien vereint.

          Die Ausstellung kann mit Fug und Recht als Sensation bezeichnet werden, denn alle diese Tafeln, Zeichnungen und Kupferstiche zusammenzubringen ist angesichts der konservatorischen Auflagen eine besondere Leistung. Von den etwa vierzig überlieferten Tafeln kann man dreißig in Wien studieren. Ebenso zahlreich sind Bruegels Zeichnungen vertreten, die zumeist als Vorlagen der nach ihm gestalteten Kupferstiche dienten. Die Kunst des Flamen hält Überraschungen bereit. Zudem führt uns der Maler die Ambivalenz des Sehens anschaulich vor Augen. In seinen Grisaillemalereien wird lange vor Caravaggio das Verschwinden der gegenständlichen Welt in der Dunkelheit zum Thema. Es ist, als wollte der Künstler die mit dem Sehen verbundenen Unsicherheiten erkunden.

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