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Nil Yalter in Köln : Ihre Kunst hat einen Anlass

  • -Aktualisiert am

Nil Yalter in Köln Bild: Nil Yalter/Henning Krause

Wie nähert man sich als Malerin des Abstrakten der Realität? Das Kölner Museum Ludwig zeigt den klugen Vorstoß der türkischen Künstlerin und Feministin Nil Yalter.

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          Für die Annäherung an die sogenannte Realität wählte Nil Yalter ausgerechnet die abstrakte Malerei, nachdem sie 1965 aus Istanbul nach Paris gekommen war, um am Umbruch der Kunst in dieser Zeit unmittelbar teilzuhaben. Jene Realität in Westeuropa erfährt sie als vielschichtig – die junge türkische Künstlerin interessiert sich für die Situation ihrer Landsleute in der französischen Metropole, entdeckt den Feminismus und spürt immer auch das Echo der politischen Ereignisse in ihrer Heimat.

          Die „Spannung“, die ihre Kompositionen im Zeichen einer geometrischen Abstraktion im Titel tragen („Tension“), äußert sich noch allein ästhetisch und liefert keine Hinweise auf eine Wirklichkeit außerhalb des Bildes – eher erinnern sie an den russischen Konstruktivismus, auf den sich die Malerin beruft, während von fern auch Formen des byzantinisch-osmanischen Erbes in diesen Arbeiten nachhallen.

          Dann aber, nach dem Militärputsch in der Türkei im Jahr 1971, forciert die in Kairo geborene Künstlerin die Rückkopplung von ungegenständlicher Formensprache und zeitgeschichtlichem Ereignis – Anlass ist der Prozess gegen drei marxistisch-leninistische Opponenten gegen die neuen Machthaber, darunter der Student Deniz Gezmiş, Mitbegründer der bewaffneten Volksbefreiungsarmee.

          Temporary Dwellings, 1974–1977
          Temporary Dwellings, 1974–1977 : Bild: Nil Yalter/Galerie Hubert Winter

          Die drei Rädelsführer werden wegen Bankraub und Entführung verurteilt und hingerichtet. Die Gerichtsverhandlung verfolgt Yalter in ihrem Pariser Apartment in größter Unruhe und formalisiert das Geschehen in Gestalt von drei grau gefärbten Kreisen, die sie an mehreren Tagen in mehreren Phasen auf Metzgerpapier zeichnet und auf eine vertikale Linie zulaufen lässt, bis diese mit der Exekution erreicht und überschritten ist, bis das Leben der verurteilten Männer endet: Die drei Kreise verblassen, sind farblos, zerschnitten durch die Senkrechte, die den Tod markiert.

          Damit schreibt Yalter ihrem Werk unwiderruflich einen politischen Anspruch ein, entwickelt unterschiedliche Werkformen für Themen wie Exil, Arbeit und Ausbeutung, für das sexuelle Begehren der Frau, ihre Rolle in der Gesellschaft und der türkischen Familie, für häusliche Gewalt. Schon früh produziert sie 1978 ein Video über einen befreundeten Mann, der, auch mit Hilfe von Hormonpräparaten, die Identität einer Frau annimmt.

          Dank solcher Arbeiten, deren Relevanz durch die Zeitläufte nicht relativiert, sondern bestärkt wird, zählt das Werk von Nil Yalter zu den heute so zahlreichen Wiederentdeckungen von Künstlerinnen in der zeitgenössischen Kunst. In ihrer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig fühlt man sich selbst wiederholt ertappt bei dem Gedanken, wie wenig zum Beispiel die Integration der sogenannten Gastarbeiter auch hierzulande überhaupt gewünscht war. Die Ausstellung lässt die Zuwanderer mit alltäglichen Nöten und existentiellen Krisen, am Arbeitsplatz und in der Familie, ausführlich zu Wort kommen und würdigt die Künstlerin institutionell angemessen.

          Pixelismus, 1996
          Pixelismus, 1996 : Bild: Nil Yalter

          „Exil ist harte Arbeit“: Aus dem Titel der Retrospektive spricht auch deshalb einiges an autobiographischer Erfahrung, weil Yalter in den achtziger Jahren eine Rückkehr in die Türkei aus politischen Gründen versperrt war. Der Zufall will es, dass eines ihrer Schlüsselwerke bereits 1974 in Köln ausgestellt war: eine Jurte, entstanden als Resultat einer Expedition nach Anatolien, wo Yalter dem Selbstverständnis und den Zwängen der Frau in der nomadischen Kultur nachspürte. Die provisorische Behausung aus Filz steuerte sie der Gruppenschau „Prospekt 74“ in der Josef-Haubrich-Kunsthalle bei, eines der wenigen Werke von Künstlerinnen, die eingeladen wurden, und bezeichnenderweise wurde sie selbst in einer Besprechung als Mann erwähnt.

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