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Humboldt-Forum : Die neue Mitte von Berlin

Kann man ein verschwundenes Schloss wieder aufbauen? Nach nur zwei Jahren Bauzeit feiert das Humboldt-Forum im Berliner Schloss an diesem Freitag Richtfest.

          Die Humboldt-Box ist geschrumpft. Neben dem Riesenbau, der seit vorletztem Jahr in ihrem Rücken gewachsen ist, erscheint sie als der Zwerg, der sie immer sein sollte. Der Auftrag der Box war, für das Humboldt-Forum zu werben. Noch ist es nicht da, aber seine Hülle, massig und hell, bestimmt schon jetzt das Stadtbild von Berlin. In vier Jahren soll dann auch der Inhalt fertig sein, dann hat die Box ihre Schuldigkeit getan. Bis dahin wacht der kleine Kubus neben dem großen wie ein Hündchen neben seinem Herrn.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Man kann die Probleme, die auf die Kuratoren und Intendanten des Forums in den nächsten Jahren zukommen, im Taschenspiegel der Humboldt-Box ziemlich gut erkennen. Denn die Box ist ein Erfolg. Ihr Dachcafé, ihre Aussichtsterrassen, ihr Obergeschoss mit Schlossmodell und Spendenautomat gefallen Berlinern wie Touristen. Schon zwei Jahre nach der Eröffnung hatte sie eine halbe Million Besucher. Was weniger gut funktioniert, ist die Ausstellung der Dahlemer Museen, der Humboldt-Universität und der Berliner Landesbibliothek in den mittleren Etagen der Box. Der Zweck der Präsentation besteht darin, das Patchwork aus ethnologischen, asiatischen und Uni-Sammlungen, das ins Humboldt-Forum einziehen soll, anschaulich und plausibel zu machen. Das hat offensichtlich nicht geklappt.

          Wolkige Museumsidee

          An dem Tag nämlich, an dem der Baukoloss Richtfest feiert, ist die Museumsidee, die ihm Leben und Bedeutung einhauchen soll, noch fast genauso wolkig wie vor dreizehn Jahren, als sie per Bundestagsbeschluss abgesegnet wurde. Dass das zweite und dritte Obergeschoss einer modernisierten und multimedial aufgerüsteten Zwillingspräsentation des Ethnologischen und des Asiatischen Museums aus Dahlem vorbehalten sein werden, stand seit langem fest. Die Planungen zu der neuen Dauerausstellung, die sich am Leitfaden der Kontinente entlanghangeln soll, sind nahezu abgeschlossen. Aber die entscheidende Frage, wie der zweistöckige Museumskomplex mit der bunten Event-Ebene im Parterre verbunden werden soll in der sich, ob man sie nun „Agora“ nennt oder nicht, die Weltläufigkeit und Publikumstauglichkeit des Humboldt-Forums überhaupt erst erweisen wird, ist noch nicht annähernd beantwortet.

          Für das erste Obergeschoss des Humboldt-Forums, das als Nahtstelle zwischen der Agora und den Museen fungiert, waren bis vor kurzem drei ganz unterschiedliche Nutzungen avisiert. Im Südwestflügel wollte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre nur für Fachpublikum zugängliche Forschungsbibliothek für außereuropäische Kulturen unterbringen. Im Nordwestflügel, der einst den Weißen Saal, einen zentralen Geschichtsort des Wilhelminismus, beherbergt hat, sollte die Humboldt-Universität mit einem durch Ausstellungen, Veranstaltungen und Workshops bespielten „Labor“ von der Rolle der Wissenschaften im Alltag erzählen. Und den gesamten, fünftausend Quadratmeter umfassenden Ostflügel sollte das Land Berlin für eine Außenstelle der Zentral- und Landesbibliothek samt Medienpräsentation zur „Welt der Sprachen“ erhalten.

          Die Magie des Namens „Humboldt“

          Im März dieses Jahres hat der Regierende Bürgermeister Müller diesen Plan gekippt und durch ein hastig zusammengestricktes Ausstellungskonzept unter dem Etikett „Welt. Stadt. Berlin“ ersetzt. Wie sich der historisch-politische Text- und Bilderreigen, zu dem das pompöse Projekt am Ende zusammenschrumpfen dürfte, in den auf Bibliotheksbedürfnisse eingerichteten Sälen verwirklichen lässt, muss sich noch zeigen. Aber jenseits der praktischen Schwierigkeiten offenbart der Vorgang noch etwas anderes, Wichtigeres. Er zeigt, wie weit es mit der vielbeschworenen Dreieinigkeit der Nutzer tatsächlich her ist.

          Wenn es ernst wird, handelt jeder von ihnen nach eigenem Gutdünken, das Land Berlin genauso wie die Humboldt-Uni und die Preußenstiftung. Eben deshalb ist der erste Stock des Humboldt-Forums zu der Planungsruine geworden, als die er sich heute darstellt. Die Dreiteilung der Nutzungsansprüche, entstanden aus den Besitzverhältnissen am Schlossplatz und der Magie des Namens „Humboldt“, ist der Geburtsfehler dieses Projekts, ganz gleich, wie viele Brücken die Bundeskulturpolitik zwischen den verschiedenen Interessen noch schlagen wird.

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