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Das Humboldt-Forum als Vergnügungstempel : Slam statt Wissen

Von Außen ein Schloss, von innen ein flimmerndes Multimediazentrum: Das Humboldt-Forum, fordern Programmplaner, soll seine Besucher nicht mit Bildungsinhalten belästigen.

          Es ist geschafft, der Grundstein des Berliner Schlosses alias Humboldt-Forum ist gelegt. Aber die Doppelgesichtigkeit des Gebäudes, das bis 2018 entstehen soll, bleibt: Außen sieht es aus wie ein Schloss. Innen ist es ein multimedial aufgerüstetes Weltkulturenmuseum des 21. Jahrhunderts mit eingebautem Bibliotheks- und Wissenschaftsbetrieb.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Um diesen Gegensatz abzumildern, haben sich die Erfinder des Projekts ein institutionelles Bindemittel in Form einer mit Theater, Kunst, Film und Debatten gespickten Veranstaltungszone im Erdgeschoss des Schlosses ausgedacht. Sie nannten sie, nach dem griechischen Wort für Marktplatz, „Agora“.

          Die Agora-Idee wird „in Rente“ geschickt

          Vor zweieinhalb Jahren wurde der Schweizer Museumsmann und Kulturkurator Martin Heller mit großem Tamtam als „Projektleiter“ der Agora eingesetzt. Heller kündigte an - wie es wohl jeder in seiner Situation getan hätte -, er werde mit allen Beteiligten reden, Möglichkeiten prüfen, den Rat von Experten suchen. Bis zur Grundsteinlegung sollte sein Plan fertig werden. Er lieferte pünktlich: Vergangene Woche wurde sein Konzept vorgestellt - es besteht darin, die Agora abzuschaffen.

          Man schicke die Agora-Idee „in Rente“, ließen Heller und sein Projektpartner Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, verlauten. Denn alles im Humboldt-Forum werde jetzt zur Agora.

          Der Leser wird mit blühender Kulturmanagerlyrik begrüßt

          Das vierzigseitige Grundsatzpapier, das Heller erarbeitet hat, formuliert es etwas umwundener: Die „Ansprüche auf Gegenwartsbezug, Partizipation, Diskurs und Flexibilität“, die im Erdgeschoss befriedigt werden sollten, gälten nun als „inhaltliche Orientierungsgrößen“ für das gesamte Haus. Mit anderen Worten: Es gibt nicht mehr einen Rummelplatz im Parterre und darüber drei Stockwerke Museen und Bibliotheken. Jetzt rummelt das ganze Schloss.

          Was heißt das? Hellers Exposé begrüßt den Leser zunächst mit blühender Kulturmanagerlyrik: „Die weitläufige Ticketing-Zone ist zugleich eine Informationsdrehscheibe mit freundlichem Personal. Wer verweilen mag, kann sich über Kleinstausstellungen auf flexiblen Displays oder, an die mobile Café-Bar gelehnt, über kurze Performances freuen.“ Dann aber wird es konkreter.

          Wer braucht schon sinnliche Wahrnehmung?

          Das Humboldt-Forum sei „weit mehr als ein Museum“; deshalb müsse die Präsentation der Objekte auch „scheinbar Gewohntes in Frage“ stellen und dabei „unnötigen, die sinnliche Wahrnehmung behindernden Ballast abwerfen“.

          Worin bestünde denn dieser Ballast: in Glasvitrinen, Erklärungstafeln? Soll der Besucher zukünftig nur noch als App-Benutzer erfahren, dass die Gandhara-Skulpturen des Asiatischen Museums ein spätes Zeugnis hellenistischer Globalisierung sind? Dürfen sich Berliner Schülergruppen bald in Bronzekesseln aus der Zhou-Dynastie die Hände waschen?

          Wissenschaft wird gegen „Erleben“ ausgespielt

          Doch es kommt noch besser: „Jede Vorstellung einer ... Museumsausstellung, in der das Besuchserlebnis dem Anspruch eigentlicher Bildungsarbeit unterworfen wird“, habe „ausgedient“. Stattdessen sollen „experimentelle Formen der Präsentation“ erprobt werden. „Wissenschafts-Slams“ bringen das Publikum auf den neuesten Forschungsstand, „innovatives Edutainment“ begrüßt die Kunden der Zentral- und Landesbibliothek, und jene Betonköpfe, die auf den Anblick asiatischer Hochkunst partout nicht verzichten wollen, werden in „kontemplativen Ensembles“ untergebracht.

          Es ist klar, wer in Hellers Konzeptkartenspiel den Schwarzen Peter hat: die Kuratoren der Dahlemer Museen. Ihnen klopft der Agoranaut auf die Finger, wenn er die „Hermetik wissenschaftlicher Weltsicht“ gegen das „Erleben“ der Objekte ausspielt. Ob er damit die Fachleute überzeugt, darf man bezweifeln.

          Vor kurzem kündigte eine Kuratorin der Nordamerikasammlung des Ethnologischen Museums im Radio an, mit dem „kitschigen“ Arrangement von Indianerkleidung sei nach dem Umzug ins Humboldt-Forum Schluss, die Wämse und Mokassins würden dann nicht mehr auf Schaufensterpuppen drapiert, sondern in Schubladen gesteckt. Man wird sehen, was die Schülerschaft davon hält.

          Vergleichsweise knapp sind Hellers Ausführungen zum eigentlichen Veranstaltungsbereich im Erdgeschoss. Ein breites „Spektrum von Welterzählungen und Weltdeutungen“ will er dort zeigen, aber woher die „Diskurse und Debatten“, die „theatralischen Formate“ und „hin und wieder eine Filmpremiere“ kommen sollen, sagt das Papier nicht.

          Dabei steckt hier der wahre Zündstoff des Projekts. Denn ein Budget für die Kulturaktivitäten im Schlossparterre gibt es bisher nicht. Und wenn es zustande kommt, ist der Konflikt mit zwei anderen Kulturinstitutionen, die eine sehr ähnliche globalkulturelle Ausrichtung haben - das Haus der Kulturen der Welt und die Berliner Festspiele -, unvermeidlich. In zwei Jahren soll ein Gründungsintendant für das Humboldt-Forum berufen werden. Ihm oder ihr fällt Hellers Agora dann auf die Füße.

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