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Michael Armitage in München : Zwischen Abgrund und Träumerei

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Gemalt auf der Rinde einer Feigenbaumes, gefüllt mit Bildern mannigfacher Sündenfälle: Michael Armitages verheißungsvolles „The Promise of Change“ aus dem Jahr 2018 Bild: Michael Armitage/White Cube (Ollie Hammick)

Brennende Hühnerdiebe und kostümierte Affen: Das Haus der Kunst in München zeigt die Fabelbilder des kenianischen Malers Michael Armitage.

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          Zwei weiße Hühner fest im Griff, rennt der Dieb, was das Zeug hält; ein seltsames Wesen ist ihm auf den Fersen: Halb Tukan, halb Affe mit Beinen, die in orangem Gefieder auslaufen, langt das Geschöpf nach dem Flüchtenden. Ist es ein Verfolger oder aber ein guter Geist, der mit seinen Affenhändchen versucht Flammen zu löschen, die ein gelbes Scheinen im Rücken des Mannes andeutet? Im Hintergrund der Szene sind Reifen gestapelt, wohl eine Straßensperre und auch ein Hinweis auf drohendes „Necklacing“, eine in afrikanischen Ländern praktizierte Form der Lynchjustiz, bei der dem Opfer ein mit Benzin gefüllter Reifen um den Hals gehängt und angezündet wird.

          „The Chicken Thief“ gehört in eine Reihe von Gemälden, die Michael Armitage nach Unruhen malte, die 2017 in seiner Heimatstadt Nairobi die umstrittenen Präsidentenwahlen begleiteten. Es ging wüst her im Streit der Anhänger des regierenden Uhuru Kenyatta und jener seines Herausforderers Reila Odinga; und es gab Berichte von Morden an Menschen, die versucht hatten, die Demonstrationen für Diebstähle zu nutzen. In Armitages mitreißende Bilderzählungen floss Selbstgesehenes ebenso ein wie Presse- und Videomaterial. Aber er belässt es nicht bei schlichtem Nachmalen, Szenen werden herausgelöst, neu kombiniert und in dynamischer, dabei bis ins Detail leichthändiger Malweise geschichtet und rätselhaft aufgebrochen. Auf großen, manchmal riesigen Formaten ist viel Platz für Tiefblicke in brutale Abgründe und zarte Träumereien, das alles in berückendem Farbrausch.

          Kenner zweier Kulturen

          Hier schwebt eine fünfarmige Frau mit Wurfgeschossen über der Menschenmenge, dort interviewt ein kostümiertes Äffchen eine Kröte, während hinter beiden eine Person die Zunge herausstreckt, und wer kann erraten, was sich lausende Paviane mitten im Straßenkampf zu suchen haben? Sehen kann man die kapitale „Kenya Election Series“ im Münchner Haus der Kunst in der ersten Schau des gefragten jungen Künstlers in Deutschland. Eine beachtliche Ausstellungsliste führt Museen wie das New Yorker MoMA an, und auch auf der Venedig-Biennale war Armitage im vergangenen Jahr vertreten. Gerade erst er erhielt den renommierten Ruth-Baumgarte-Preis in Hannover für sein Œuvre, das „westlich-europäische Kunstgeschichte und künstlerische Traditionen Afrikas“ verbinde.

          Michael Armitage, „Mkokoteni“, 2019 Bilderstrecke
          „Crossculture“ als Konzept : Werke von Michael Armitage

          Als Sohn einer kenianischen Mutter und eines englischen Vaters 1984 in Nairobi geboren und ausgebildet in London, lebt und arbeitet Michael Armitage heute zwischen beiden Städten, was dem intimen Kenner beider Kulturen den Blick aus der Distanz erhält. Wenn die europäische Moderne wiederholt entscheidende Impulse aus fremden Kulturen bezog, damals, als Impressionismus und Jugendstil im Japonismus schwelgten oder afrikanische Stammeskunst Picasso wie auch den „Brücke“-Expressionisten Inspirationen verschaffte, baut Michael Armitage in gewisser Weise solch längst erschöpft geglaubten Ansätze aus; in Videobeiträgen erklärt er „Crossculture“ als sein Konzept und Ziel und nutzt dafür jegliche Form historischen wie zeitgenössischen Bildmaterials.

          Gegen jede endgültige Entschlüsselung

          Sie gelingen ausgezeichnet, die Hommagen an Goya, Gauguin, Picasso und weitere Meister im Dialog mit visuellen Social-Media-Funden, mit afrikanischen Mythen und einer Fülle anderer Quellen – nicht zuletzt eigenen schönen Tuschezeichnungen, die er in Afrika nach der Natur anfertigt. Einigermaßen geübten Kunstbetrachtern fällt es in der Regel und auch in diesem Fall nicht schwer, westlich-europäische Referenzen auszumachen. Wie jedoch die bei uns so gut wie unbekannte ostafrikanische Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts in Armitages Œuvre hineinspielt, die er in seinen Kosmos einschmilzt, zeigt Kuratorin Anna Schneider anhand einer Werkauswahl von Künstlern aus Kenia, Uganda und Tansania.

          Armitage fand ein weiteres Mittel, um seine Arbeit historisch in jenem Teil der Welt zu verorten: Statt auf Leinwand malt er auf Lubugo, einem tuchähnlichen Material, das er, zu Platzdeckchen verarbeitet, auf einem Touristenstand in Nairobi entdeckte. Ursprünglich aber wurde es für Leichentücher und Zeremonien eingesetzt und von den Baganda in Uganda seit Hunderten von Jahren in langwierigen Arbeitsgängen aus der Rinde einer Feigenart hergestellt. Mit nicht ganz ebener Oberfläche, seinen Löchern hier und da sowie narbigen Nähten nimmt das Lubugo Einfluss auf Kompositionen und den lasierenden Farbauftrag.

          Armitages komplexe Bilder sind eine Herausforderung. Absichtsvoll verweigern sie sich endgültiger Entschlüsselung. Oft aber geht es um Machtverhältnisse zwischen Führern und Folgenden, insbesondere zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. Dann auch zwischen den Starken und den Schwachen unter allen Kreaturen. In den dschungeldichten Szenen hausen Krokodile und Schlangen, die, ebenso wie Baboons, Frösche oder Geier, der Welt der Zweibeiner Spiegel vorhalten, die animalische Seiten des Geschlechterverhältnisses reflektieren und den großen Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden.

          Michael Armitage – Paradise Edict. Im Haus der Kunst, München; bis zum 14. Februar 2021. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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