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El-Anatsui-Schau in München : Phoenix aus Zivilisationsmüll

  • -Aktualisiert am

Der Vorreiter der afrikanischen Gegenwartskunst arbeitet mit vorgefundenen Materialien: El Anatsuis „Rising Sea“. Bild: Maximilian Geuter

Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler des afrikanischen Kontinents, doch seine erste Überblicksausstellung bekommt er erst jetzt: Das Haus der Kunst in München zeigt El Anatsui. Die Schau ist das Erbe von Okwui Enwezor.

          Es ist die letzte von Okwui Enwezor kuratierte Ausstellung; an ihrer Eröffnung, wenige Tage vor seinem Tod, konnte er nicht mehr teilnehmen. Noch einmal unterstrich der große, weit- und weltsichtige Kurator zum Abschied sein Vermächtnis einer „globalen Sicht auf die Gegenwartskunst“, indem er das Œuvre des ghanaischen Künstlers El Anatsui in den Fokus rückte. Wie geschaffen für die Dimensionen des Hauses der Kunst gießen Anatsuis Werke, die der Titel „Triumphant Scale“ treffend umreißt, ihren flirrenden Glanz über Wände und Böden.

          Vielleicht denkt man beim Anblick ihrer umwerfenden Opulenz an wertvolle, golddurchwirkte Stoffe, oder es kommen einem Gustav Klimts güldene, farbdurchflitterte Bildhintergründe in den Sinn. Tatsächlich aber ist das hier alles blanker Abfall. Tausende recycelte Flaschenverschlüsse, Teilchen aus Aluminium und Blechdosen, die Anatsui in rauhen Mengen säubern, aufschneiden, walzen, falten, drücken oder stückeln, schließlich lochen und mit kleinen Kupferdrähten zu spektakulären Behängen verknüpfen lässt. Ein großes Heer von Helfern in seinem nigerianischen Wohnort Nsukka arbeitet oft Monate an „Tapisserien“ wie dem imperial anmutenden „Red Block“ oder einem Labyrinth aus filigranen Netzen, das den Mittelsaal durchwebt, als gäbe es nichts Leichteres als dessen gigantische Ausmaße in den Griff zu bekommen.

          Von München weiterwandern

          Auch sonst liegen Anatsui Berührungsängste mit dem kühlen, von den Nationalsozialisten für die „deutsche Kunst“ errichteten Gebäude fern. Im Gegenteil entfalten Werke wie die eigens für die Schau entwickelte Glitzerlandschaft „Rising Sea“ vor karg weißer Wand und Böden aus Solnhofener Platten erst richtig ihre volle Pracht. Ebenfalls für München und angeregt von der nur wenige Meter entfernten Surfer-Welle im Englischen Garten, entstand „Second Wave“.

          El Anatsuis Keramik „Gbeze“ aus dem Jahr 1979 Bilderstrecke

          Die mehr als hundert Meter lange und stolze zehn Meter hohe Verkleidung der Eingangsfassade aus benutzten Offset-Druckplatten spricht mit den Überbleibseln von Informationsfluten globale Zirkulationen an, die auf andere Art durchaus auch hinter den Skulpturen aus Abfällen globaler Wirtschaftskreisläufe stehen. El Anatsui ist der Vorreiter des inzwischen zu einem eigenen Zweig afrikanischer Gegenwartskunst gediehenen Umgangs mit gefundenen Materialien. Wie Phoenix aus der Asche erheben sich attraktive Artefakte aus dem Zivilisationsmüll reichlich auf den afrikanischen Markt geschwemmter Exportwaren. Man denke an die Masken aus gebrauchten Kanistern, mit denen Romuald Hazoumé aus Benin in Anspielung auf traditionelle Ritualmasken Klischeevorstellungen von „afrikanischer Kunst“ auf die Schippe nahm, oder an die verrückten Brillenobjekte, die der junge Kenianer Cyrus Nganga Kabiru aus weggeworfenem Zeug schafft, das er auf Nairobis Straßen sammelt.

          El Anatsui, der 1944 in Ghana zur Welt kam, gilt als einer der bedeutendsten Künstler des afrikanischen Kontinents; 2015 erhielt er den Goldenen Löwen der Biennale Venedig für sein Lebenswerk und weltweit sammeln ihn namhafte Museen. Doch seine erste Überblicksausstellung und zugleich die bislang umfangreichste Schau seiner Werke bekam Anatsui erst jetzt durch Enwezor und Ko-Kurator Chika Okeke-Agulu aus Princeton. Von München wird die Schau nach Doha, Bern und Bilbao weiterwandern – im Gepäck die hölzernen Skulpturen, Reliefs und Keramiken aus früheren Schaffensperioden sowie Zeichnungen, Drucke und Bücher. Schon bevor er 2011 ans Haus der Kunst kam, dessen Direktion er im vergangenen Sommer krankheitsbedingt niederlegte, arbeitete Enwezor an dem El-Anatsui-Projekt. Jetzt rundet es auf atemberaubende Weise sein Lebenswerk.

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