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Großprojekt des „Mauerkünstlers“ : Er war der Einstein der Sowjetunion

Das Moskauer Institut, an dem der sowjetische Physiker Lew Landau, genannt Dau, forschte ließ Khrzhanovsky in einem stillgelegten Schwimmbad in Charkiw nachbauen. Bild: Gruber

Alle reden über das Berliner Megaprojekt des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky. Sein Mauerbau sorgte für Diskussionen, dabei stehen im Zentrum viele Stunden Film – über einen genialen Physiker.

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          Interviews gebe er auf keinen Fall, sagt der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky, dessen Megagesamtkunstwerk „Dau“, an dem er seit dreizehn Jahren arbeitet, am 12. Oktober in Berlin als von einer Replik der Berliner Mauer umgebene Installation eröffnet werden soll.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dreizehn Filmnovellen, zahlreiche Serien, siebenhundert Stunden Rohfilm und vieles mehr stellen eine Herkulesanstrengung dar, die Geschichte der Sowjetunion erstmals künstlerisch zu fassen. Dabei hat Khrzhanovsky den sowjetischen Physiker Lew Landau (1908–1968) zur Vergil-Figur gemacht, die die Faszination des Sowjetprojekts aus der Sicht eines Wissenschaftspioniers erfahren lässt, der ungeheure Privilegien und Freiheiten genoss, aber von einem menschenfressenden Sicherheitsapparat bewacht wurde, der Kollegen und nur um ein Haar nicht auch ihn selbst verschlang.

          Landau, genannt Dau, ein aus Baku gebürtiger jüdisch-aserbaidschanischer Gelehrter, war der Einstein der Sowjetunion, der praktisch alle Sphären der modernen Physik prägte. Der 43 Jahre alte Khrzhanovsky, der in den letzten Jahren vor allem im Westen lebte, empfindet sich gleichwohl emphatisch als „Sowjetmensch“, also als jemand mit einer traumatisierten Psyche.

          Unterwäsche nach Originalmodellen

          Für sein Vorhaben, das einer historischen Reality-Show nahekommt, gewann Khrzhanovsky ein eindrucksvolles Ensemble von russischen Forschern und Künstlern, aber auch international berühmten Gästen, von Marina Abramović bis zu Peter Sellars und Romeo Castellucci, sowie Geldgeber, vor allem den russischen Geschäftsmann und Mäzen Sergej Adonjew, aber auch den Sender Arte, das Filmboard Berlin-Brandenburg und etliche andere westeuropäische Sponsoren, die fest an seine Sache glauben. Der Regisseur, der kokett von seiner weichen Ausstrahlung spricht, sieht sich heute lieber als Katalysator, der Kunstprozesse in Gang setzt, die größer sind als er selbst. Dazu passen meinungsstarke Statements nicht. Das soziale Experiment, das die Filmproduktion von „Dau“ auch war, habe ihm, so Khrzhanovsky, feste Ansichten über menschliches Verhalten ausgetrieben.

          Das Erfolgsrezept, das ihm die Anhänglichkeit der Kreativen sicherte, von denen viele den Berliner Parcours mit Konzerten, Vorträgen, Konferenzen bereichern wollen, ist seine Kombination aus manischer Präzision bei materiellen Realien und einer Plot- und Figurenentwicklung, die weitgehend den Darstellern überlassen wird. Der geniale Physiker, der von dem charismatischen Dirigenten Teodor Currentzis verkörpert wird, und führende russische Wissenschaftler als seine Kollegen tragen klobige Anzüge aus schwerem Stoff, sie experimentieren mit dicken Scheren und Kugelvasen, Disputationen werden wie zu Landaus Zeiten mit Tafel und Kreide bestritten.

          Selbst die Unterwäsche ist, wie private Szenen beweisen, Originalmodellen aus der Stalin- oder Chruschtschowzeit nachgeschneidert. In der Cafeteria verzehrt man Sowjetsalami und Aspik, Verhörprotokolle oder Geheimhaltungsverpflichtungen werden historisch korrekt umständlich mit der Schreibfeder unterzeichnet. All diese Dinge prägen die Art, wie der Mensch sich fühlt und bewegt, weiß Khrzhanovsky. Umso wichtiger ist ihm, dass diese Gefühle nicht von Schauspielprofis gefiltert werden, mit denen er prinzipiell nicht arbeitet.

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