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Uraufführung Schimmelpfennig : Antiglobalisierungsschwank

Streithähne im Moritatengewand: Klaus Rodewald (l), Reinhard Mahlberg und Julius Forster (r). Bild: dpa

Recht brav vor sich hin parabelt: Roland Schimmelpfennigs „Das große Feuer“ wird mit einem Hauch von Mandelkern und Kerzenschein in Mannheim uraufgeführt. Ein Abend voller verstörender Harmlosigkeit.

          3 Min.

          Ein Märchen: An einem fröhlich murmelnden Bächlein liegen zwei Dörfer, auf jeder Uferseite eines. Eine Brücke verbindet die Nachbarn, man ist befreundet und kommt gut miteinander aus. Auf der einen Seite, dem Winzerufer, wird Wein angebaut, gegenüber, am Ochsenufer, wohnen die Viehbauern. Im Frühjahr entzweit plötzlich ein Streit die Dörfler, und binnen Jahresfrist sind die Menschen am Ochsenufer verarmt, ohne Dach über dem Kopf, mit Krankheit und Tod geschlagen. Denn auf die Dürre des Sommers folgen Regen und Überschwemmung, eine Fieberepidemie und ein großes, alles verzehrendes Feuer.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch das Unglück trifft seltsamerweise immer nur das Ochsenufer, die andere Seite bleibt verschont und wird stetig reicher, weil man hier das Unglück anderer auszunutzen versteht. Das Bächlein aber schwillt im Verlauf der Geschichte immer mehr an und wird zu einem mächtigen Fluss. Als die Unglücklichen vom Ochsenufer am Ende in ihre Boote steigen, um die verkohlten Überreste ihrer Häuser hinter sich zu lassen und ihr Heil in der Flucht zu suchen, ist der Fluss zum Meer geworden und kein rettendes Ufer in Sicht.

          Ein Hauch von Handke

          Roland Schimmelpfennig, einer der am häufigsten gespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker, erzählt dieses Kunstmärchen in seinem neuesten Stück „Das große Feuer“ als lyrische Parabel auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse, auf Europa als einstmals glückliche Insel in einer sich globalisierenden Welt, auf den Kapitalismus, die Flüchtlingskatastrophe und den Mangel an Mitgefühl angesichts von Naturkatastrophen, Ausbeutung, Leid und Elend.

          Das Stück, das jetzt am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt wurde, ist ein Theatertext aus einem Guss, denn es fasst schlichte Gedanken und gute Absichten in schlichte Bilder, die es mit wohldosiertem poetischen Puderzucker überzieht. Der Regisseur muss nur noch ein wenig wienern und polieren, dann glänzen sie wie frisch mit Klarlack überzogen, auf dass es allen Menschen guten Willens eine helle Freude sei. Von Anfang an liegt etwas behaglich Poetisches und Vorweihnachtliches über dem Abend, ein Hauch von Handke, Mandelkern und Kerzenschein.

          Wie aus Bruegels Jahreszyklus

          Rechts vor der Bühne haben zehn Musiker Platz genommen, die Teile von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ spielen werden. Das Programmheft weist etwas kryptisch eine „künstlerische Beratung Sandkunst“ aus, was sofort verständlich wird, als auf dem Vorhang aus transparentem weißen Papier ein Ascheregen niederzugehen scheint. Er entpuppt sich als kleiner Sandsturm, den der Schauspieler Sven Prietz links vorn vor der Bühne auf einer Art Overheadprojektor entfacht. Mit bloßen Händen malt er nacheinander den Bach, die Brücke, Bäume und die Gesichter von Martin und Marion in den Sand. Die beiden sind die Kinder verfeindeter Väter und heimlich ein Paar: Romeo und Julia im Sandkasten gewissermaßen.

          Wie ihre fünf Kollegen tragen Julius Forster und Hannah Müller historische Gewänder, die sie aussehen lassen, als wären sie aus Bruegels Jahreszyklus auf die leergeräumte Mannheimer Bühne gefallen. Florian Etti hat sie mit variablen Papierelementen ausgestattet, die vom Schnürboden herabhängen, bis sie gegen Ende abgerissen und zerknüllt werden. Die Papierbahnen sind mal Wasserfluten für Bruegels boat people und mal die Daunenkissen, unter denen Martin und Marion verschwinden.

          Ein Mehltau des Gutgemeinten

          Das ist alles ganz hübsch anzusehen, erinnert an Moritat, Jahrmarktbühne und kunstgewerblich aufgebrezeltes Bauerntheater. Regisseur Burkhard C. Kosminski hat hübsche Einfälle, lässt die Schauspieler den prasselnden Regen, von dem der Text spricht, mit Fingerschnipsen und Schenkelklopfen akustisch darstellen, arbeitet mit Schattenspiel, Körperkomik und Elementen der Commedia dell’Arte. Er lässt die Geigen schwelgen, Mädchenwangen glühen, Nebel wallen, den Theaterschnee leise rieseln und die Schauspieler fröhlich Schlittschuh laufen.

          Nicole Heesters haucht leben in „Das Große Feuer“.
          Nicole Heesters haucht leben in „Das Große Feuer“. : Bild: dpa

          Kurzum, er wienert und poliert Schimmelpfennigs Sprachbilder so emsig und ausdauernd, dass der schöne Lack irgendwann abplatzt und offenbar wird, was darunter liegt: Gips und guter Wille. Außerdem wird es immer weihnachtlicher. Man würde in seinem Sessel unweigerlich zur Honigprinte erstarren, wäre da nicht Nicole Heesters, die als Erzählerin all jene Teile des Textes vorträgt, die nicht vom Ensemble gesprochen werden, das dann die Dialoge simuliert, die Schimmelpfennig nicht geschrieben hat. Burkhard C. Kosminski hat „Das große Feuer“ in Mannheim als Antiglobalisierungsweihnachtsschmonzettchen inszeniert. Die bald achtzigjährige Nicole Heesters bläst Schimmelpfennigs lyrischem Gedicht einzig mit ihrer souveränen Vortragskunst den Mehltau des Gutgemeinten von den schmalen Schultern und haucht ihm Leben ein. Sie allein wäre ein Theatererlebnis, wie es einst Bernhard Minetti war, als er auf leerer Bühne aus Grimms Märchen las. Der Rest des Abends ist von verstörender Harmlosigkeit und parabelt neunzig Minuten lang brav vor sich hin.

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