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Landgraf Carl im Fridericianum : Auch Kassel liegt am Meer

Er machte nicht nur seine Residenzstadt groß: Als Landgraf Carl 1670 auf den Thron kam, war er selbst minderjährig, und Hessen lag darnieder. Eine Ausstellung zeigt, was der Fürst daraus gemacht hat.

          Der Herr ist wohlgenährt. Er trägt eine blitzende Rüstung, eine Schärpe und den exklusiven dänischen Elefanten-Orden. Die linke Hand in die Hüfte gestützt, den rechten Arm an eine Marmorsäule gelehnt, so steht er da, das feiste Gesicht uns zugewandt, durchaus neugierig auf diejenigen, die ihn betrachten. Dass er gerade einmal siebzig Zentimeter groß ist, geformt aus Wachs, eingesperrt in einen Dioramakasten, in dem auch alles Übrige bemaltes und stoffbehangenes Wachs ist, tut seinem Selbstbewusstsein offenbar keinen Abbruch.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es fehlt nicht an Darstellungen des hessischen Landgrafen Carl in der üppigen Ausstellung „Groß gedacht! Groß gemacht?“, die nun auf zwei Etagen im Kasseler Museum Fridericianum eröffnet wurde und dem fünf Jahrzehnte langen Wirken des Monarchen gewidmet ist. Da sind Ölgemälde, die ihn jung und alt zeigen, allein oder mit der Familie, da sind Marmorbüsten, Elfenbeinschnitzereien, geschliffene Edelsteine und Münzen mit seinem Profil. Die Wachsfigur aber, geschaffen um 1700 von der in Lyon geborenen Künstlerin Anna Maria Braun, ist nicht nur sein ungewöhnlichstes Abbild, es wirft auch die Frage auf, warum sich ein Herrscher, der sein Land mit so großer Entschlossenheit geprägt hat wie kaum ein Zweiter vor oder nach ihm, ausgerechnet ein derart puppenhaftes, spielerisches, geradezu niedliches Abbild seiner selbst in Auftrag gegeben, angenommen, bezahlt und bewahrt hat und das nun, dreihundert Jahre später, als irritierendes Moment in dieser Ausstellung wirkt.

          Eigentlich sollte Carl, geboren 1654 als zweiter Sohn des hessischen Landgrafen Wilhelm VI., gar nicht regieren. Erst der plötzliche Tod seines Bruders, des hessischen Erbprinzen Wilhelm, der sich auf Kavalierstour in Frankreich befand, brachte ihn 1670 auf den Thron – die Ex-Verlobte seines Bruders, die kurländische Prinzessin Maria Amalie, heiratete dann eben den neuen Landgrafen, die Eheleute hatten siebzehn Kinder und scheinen ganz zufrieden miteinander gewesen zu sein.

          Ein Netz dynastischer Beziehungen

          Carl, der 1677 endgültig die Regierung antrat (und seine Mutter in dieser Funktion ablöste), fand eine Grafschaft vor, die vom Dreißigjährigen Krieg noch immer geradezu verheert war. Aber er konnte zugleich auf ein Netz dynastischer Beziehungen aufbauen, das seine Vorgänger durch eine planvolle Heiratspolitik vor allem mit protestantischen Fürsten Europas geknüpft hatten. Das Nachkriegsdesaster ist naturgemäß schwerer darzustellen als die Adelsbeziehungen, und so ist der Blick im oberen Geschoss des Fridericianums eher nach vorn gerichtet: Auf eine Art Vorraum, der mit Landkarten und Schautafeln operiert, folgt der Blick auf den Zustand der Landgrafenschaft im Allgemeinen und der Residenzstadt Kassel im Speziellen anhand von Stichen und Karten.

          Dann aber gerät die Dynastie in den Blick, die zunehmend sinnlichere Ausstellung schöpft aus dem erhaltenen Schatz an Porträts der Familienmitglieder, die Jugendbildnisse Carls und seines Bruders Wilhelm werden ebenso gezeigt wie die der Verwandtschaft und der folgenden, direkt von Carl abstammenden Generation – ein besonderer Blick gilt etwa Carls Sohn Friedrich, der zum schwedischen König aufsteigen sollte und dessen Krönungsmantel hier als kostbare Leihgabe aus Stockholm zu sehen ist. Der erste Akzent, den die Ausstellung setzt, ist unverkennbar der, den Landgrafen vorwiegend im Rahmen seiner dynastischen Beziehungen zu sehen, um dann in einem weiteren Schritt auf das Besondere seiner Person und seiner Politik zu beleuchten.

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