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Boltanski im Centre Pompidou : Hast du das Tageslicht gesehen?

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Glühbirnen spielen eine zentrale Rolle im Werk von Christian Boltanski, allein die Wortbedeutung seines quasi-neuronalen Geflechts „Crépuscule“ aber reicht von Abenddämmerung bis Niedergang Bild: Joana França/VG Bild-Kunst, Bonn

Das Pariser Centre Pompidou richtet Christian Boltanski eine große Retrospektive zum 75. Geburtstag aus. Die Werke aus vier Jahrzehnten zeigen: Kaum ein Künstler arbeitet subtiler mit dem Material Erinnerung als er.

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          Ein „Haus der Erinnerung“ nennt Christian Boltanski seine große Retrospektive im Centre Pompidou. Als ein Haus mit vielen fensterlosen, dunklen Räumen – großen und kleinen, zwei Korridoren und einem großen Aussichtsraum, der für Augenblicke die Innenwelt zur Außenwelt hin öffnet – betritt es auch der Besucher. Oder sollten wir besser sagen, sein Double?

          Jeder dieser Räume gehört einem zentralen Werk aus den thematischen Ausstellungen der vergangenen Jahrzehnte, beginnend mit dem frühen Kurzfilm „L’Homme qui tousse“ von 1969, dessen schreckliches Husten zusammen mit dem dröhnenden Klopfen von Herzschlägen einen beklemmenden Soundtrack im ersten Teil der Schau bildet. Vierzig Werke, meist Installationen, zeigt die Retrospektive auf zweitausend Quadratmetern. Damit ergibt sich ein Rückblick auf Werk und Leben, das bei Boltanski eng miteinander verwoben ist. Darüber hinaus sind es Erinnerungen an ein Haus und das, was sich darin an Vergangenem abbildete. Das Haus ist also mehr als eine Metapher. Es ist existent und zeigt in seinem noblen Äußeren eines kleinen Stadtpalais im 7. Arrondissement von Paris so gar nichts von den Ängsten, die darin hausten. In diesem Haus wurde Boltanski nach der Befreiung von Paris im September 1944 geboren. Und diesen Wohnsitz behielt er auch als Künstler noch lange bei.

          Zwischen Düsen und Lautsprecher: Boltanskis „Misterios“ von 2017

          Das Haus in der Rue de Grenelle wurde nicht nur für ihn, sondern für eine Familie über Generationen zu einem Rückzugsort, einem Gehäuse, in dem man Schutz vor dem Bösen von außen suchte. Es wurde aber auch zu einem gewaltigen Echo-Raum, in dem alles, was darin erlebt und erzählt wurde, in unendlichen Brechungen widerhallte, mal in literarischer Form zuerst bei der Mutter mit den gelähmten Beinen, dann bei Boltanski als bedrängende suggestive Kunst und in einer weiteren Generation wieder als Ort eines Romans. Sein Neffe Christophe ging nicht nur dem Haus mit seinen Räumen und dem „Versteck“ des Großvaters nach, sondern auch den Phantasien, die darin hausten und immer wieder neue Nahrung fanden. Dazu hatte der Künstler mit seinen Memoiren „La vie possible (Das mögliche Leben) de Christian Boltanski“ entscheidend beigetragen. Wahrheit und Dichtung liegen darin eng zusammen oder wie er heute nüchtern sagt: Wahrheit und Lüge. Aber es sind die Facetten der vielen Erinnerungsräume, die sich in einem Künstlerleben am Ende zu einem Ganzen verdichten. Dazu gehört auch der Umschlag ins Tragikomische, das wie im Film „Sein oder Nichtsein“ die Realitäten von Sein und Schein vermischt.

          Ob der Klang der Glöckchen die Erinnerung bewahrt? Boltanskis „Animitas Chili“ von 2014

          Boltanskis persönliche „Erinnerung“ beruht – bevor sie Teil des kollektiven Gedächtnisses wurde – auf Erzählungen im Elternhaus, die seine Kinderseele verängstigt hatten. „Von Kind an hörte ich immer das Wort Schoa.“ Mit dem Tod seines jüdischen Vaters, eines Arztes, wurde die Judenverfolgung zu seinem zentralen Thema. Die Form, die er damit für sich entdeckte, war das Environment. Mit ihm konnte er etwas im Menschen berühren, das rein historische Fakten nicht vermitteln können. Darin war ihm Joseph Beuys mit seinen Aktionen und Rauminstallationen beispielhaft vorausgegangen. „Zeige deine Wunden“ oder „Der Schmerzraum“ benennen im Titel, was diese Generation an Kriegstraumata in der Kunst verarbeitet hat. Mehr als die Malerei und die Skulptur kann der Raum den Besucher überwältigen und zum unmittelbaren Zeugen machen. Darauf zielt die Kunst von Boltanski. Er schuf immer wieder neue Gedächtnisräume für die ermordeten Juden und hält damit etwas wach, das mit zunehmender Distanz zum Geschehen dem Vergessen anheimgegeben ist. Das geschieht mit einfachsten Mitteln – Fotografien, Objekten, Licht und Geräuschen – etwa mit rechteckigen Blechdosen, die er wie Bausteine zu Wänden, Altären, Türmen stapelt. Zum anderen mit kleinen Schreibtischbürolampen, die punktuell Porträtfotografien Verstorbener beleuchten, mit Tüchern, schwarzen und weißen, die etwas zu- oder verdecken. In einer Installation mit lichtdurchlässigen Vorhängen sind ihnen je ein Augenpaar aufgedruckt „als Zeugen“ oder, was näher liegt, als der schemenhafte Abdruck Jesu auf dem Schweißtuch der Veronica.

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