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Fotograf Gordon Parks : Neben dem Blumenhut das nackte Elend

Krankenschwester mit Kopftuch von Lilly Daché Bild: The Gordon Parks Foundation

Er zeigte die Not der Schwarzen Amerikas und machte Modebilder für „Vogue“: Das C/O Berlin zeigt eine Werkschau des Fotografen Gordon Parks.

          3 Min.

          Es ist leicht, Gordon Parks als Moralisten zu bezeichnen. Er hat den Alltag der Rassentrennung in den Südstaaten fotografiert, den Überlebenskampf der Schwarzen in Harlem, den Marsch auf Washington und die Rede Martin Luther Kings, die Anhänger von Malcolm X und das Elend in den Slums von Rio. Er hat als Fünfundzwanzigjähriger auf den Spuren von Walker Evans und Dorothea Lange für die „Farm Security Administration“ gearbeitet und als Sechzigjähriger die Kinofigur des Detektivs Shaft erfunden. Und er hat mit „American Gothic“, dem Bild einer farbigen Putzfrau vor der amerikanischen Fahne, das jetzt auch die Gordon-Parks-Retrospektive im C/O Berlin eröffnet, eins der großen Fotos des zwanzigsten Jahrhunderts gemacht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber Parks war nicht nur der Mann, der mit der Kamera durch die Gettos ging. Er fotografierte auch Mode, in New York, Paris und auf Kuba. Er porträtierte Duke Ellington, Muhammad Ali, Ingrid Bergman und Alberto Giacometti, er war mit Gloria Vanderbilt liiert, er ging in den Salons der Mächtigen ein und aus. Der „radical chic“ des weißen Establishments, den Tom Wolfe in einem berühmten Essay anprangerte, war ihm nicht fremd. Im hohen Alter schwärmte er noch von seiner Vorhand beim Tennis. Und den Plot von „Shaft“ und der Fortsetzung „Shaft’s Big Score“ („Liebesgrüße aus Pistolen“) formte er nach dem Muster anderer Gangsterfilme mit schwarzen Helden, wie sie damals gerade florierten. Parks war kein Außenseiter. Er muss nicht neu entdeckt werden. Sein Werk ist geblieben.

          Das sieht man gerade an einer Fotoserie wie „Back to Fort Scott“, die, 1950 entstanden und von der „Life“-Redaktion aussortiert, nach ihrer Publikation im vergangenen Jahr nun bei C/O Berlin zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wird. Parks war von der Redaktion, der er seit 1948 angehörte, nach Fort Scott, Kansas geschickt worden, wo er als jüngstes von fünfzehn Kindern eines schwarzen Farmers aufgewachsen war. Er sollte seine Klassenkameraden aus der Grundschule aufspüren und zeigen, was aus ihnen geworden war. Auf den Bildern, die Parks aus Kansas mitbrachte, sieht man rauchende Frauen, Ehepaare, spielende Kinder und Greisinnen im Lehnstuhl, aber auch Damenstiefel, die wie ein Stillleben vor einer Matratze aufgebaut sind. Parks hat den Sinn für Arrangements, den Fetischblick, den er als Haute-Couture-Fotograf für „Vogue“ und andere eingeübt hatte, nach Fort Scott mitgenommen. Eben das macht diese Fotos bedeutend: als Dokumente eines ästhetischen Zwiespalts.

          Untitled, Harlem 1947 Bilderstrecke

          Das Verfertigen von Bildern mit technischen Apparaten, wie es im zwanzigsten Jahrhundert blühte (und im einundzwanzigsten zum leeren Ritual verkommt), ist eben nicht schon an sich ein moralischer Akt. Moral entsteht im Auge des Betrachters, der auf den Bildern wiedererkennt, was er für wahr hält. So gesehen hat Gordon Parks sein Leben lang mit der Zweideutigkeit seiner Kunst gerungen. Im gleichen Jahr 1956, in dem er die Rassentrennung in Alabama dokumentiert, stellt er ein Mannequin im weißen Abendkleid mit Pelzkragen auf den Times Square. 1967 fotografiert er die grausame Armut der farbigen Familie Fontenelle, aber auch ein Model mit Blumenhut. Die Aufnahmen aus der Serie „Kriminalität“ von 1957 wirken wie Stills aus einem Gangsterfilm von Nicholas Ray, während manche der Einstellungen aus den „Shaft“-Filmen von den Harlem-Fotos der vierziger Jahre inspiriert sind. Beglückt und erschüttert berichtet Parks in „Life“ von seiner Begegnung mit Malcolm X und der „Nation of Islam“; trotzdem gibt er die Modefotografie nicht auf. Die einzige Bewegung, der er sich überlässt, ist die der eigenen Biographie. 1961 holt er den todkranken Jungen Flavio aus einer Favela von Rio de Janeiro in die Vereinigten Staaten und sorgt durch einen Spendenaufruf für dessen medizinische Behandlung. Bis zu Parks’ Tod 2006 bleiben die beiden in Kontakt.

          Einmal, in einer Serie, die in Berlin nicht zu sehen ist, hat Gordon Parks auch vom Krieg erzählt. 1944, nach dem Ende des Fotografieprogramms der FSA, nahm er für das Office of War Information die schwarzen Jagdflieger der 332d Fighter Group in ihrem Trainingslager in Tuskegee, Alabama auf. Da schoss gleichsam die eine moderne Apparatur auf die andere. Aber als die „Tuskegee Airmen“ ins Kriegstheater nach Europa zogen, ging Parks nicht mit. „A Choice of Weapons“ lautete, fünfundzwanzig Jahre später, der Titel seiner Autobiographie. Er hatte seine Waffe gefunden.

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