https://www.faz.net/-gqz-841yy

Neubau für das BMI : Das Bundesinnenraumwunder

  • -Aktualisiert am

Die Zelte in Bonn sind abgebrochen, alles strebt nach Berlin. Zu Reichstag und Kanzleramt stößt jetzt der neue Sitz des Innenministeriums. Das perfekte Bauwerk für die Beamtenlaufbahn.

          Als der Bundestag 1991 mit einer Mehrheit von nur achtzehn Stimmen den Beschluss fasste, Parlament, Regierung und viele Ministerien von Bonn nach Berlin zu verlegen, stand viel Symbolisches zur Abstimmung. Berlin wieder zum Zentrum der deutschen Politik zu machen: War das die nur logische Folge der Wiedervereinigung, oder wären im Schatten der deutschen Geschichte nicht weiterhin Demut, also Bonner Föderalismus und die bescheidenen Bauten am Rhein, das angemessenere Signal gewesen?

          Nach dem Hauptstadtbeschluss, der ohne Fraktionszwang zustande kam, wurde die Diskussion auf zahlreichen Baustellen weitergeführt. In Berlin zu bauen heißt, historisch vermintes Gelände umzupflügen. Es begannen herrliche Jahre des politischen Architekturfeuilletons. Der Reichstag mit oder ohne Kuppel? Palast der Republik oder Stadtschloss? Darf man „Nazi-Ministerien“ umnutzen? Wird das Kanzleramt ein formaler Verwandter des eher verspielten Bonner Kunstmuseums oder doch ein Bau der neuen „Berliner Steinfraktion“? Also jener Architektursprache, die schnell in den Verdacht geriet, heftig mit den dreißiger Jahren zu flirten. Und was folgt aus alledem?

          Ein Neubau als Nachrichtenthema

          Mit zwanzig Jahren Abstand lässt sich sagen: wenig. Reichstagskuppel, Schloss und der Amtssitz des Finanzministers im ehemaligen Göringschen Reichsluftfahrtministerium haben zu keinem politischen Rechtsruck geführt. Ebenso wenig hat die „Bonner“ Architektur des neuen Kanzleramts den Regierungsstil beeinflusst. Architektur steht lange, die Debatten darüber aber sind von der Tagespolitik gefärbt. So befindet sich – Stichwort Euro- und Griechenland-Krise – die derzeit umkämpfteste Architektur der Republik in Frankfurt am Main, wo im März die Eröffnung der Europäischen Zentralbank von reihenweise brennenden Polizeifahrzeugen begleitet war.

          Auch der Neubau des Bundesnachrichtendienstes schafft es in die Tagesschau, häufig sogar, obwohl er noch gar nicht fertig ist. Architektur und Inhalt scheinen beim BND auf unheilvolle Weise miteinander verwoben zu sein. Es gibt keinen schöneren Beleg für die Undurchdringlichkeit des Überwachungsapparats als ein Bild seiner Zentrale mit ihren Abertausenden gleichen Fenstern auf den schier kilometerlang abgewickelten Fassaden. Welcher Chef kann den Überblick behalten, was dahinter vor sich geht?

          Blickkontakt zum Kanzleramt

          Der Neubau des Bundesinnenministeriums (BMI) hat zwar, verglichen mit dem BND, nur etwa ein Drittel an Mitarbeitern und Fläche unterzubringen, ist aber auch kein kleines Gebäude. 1400 Beamte sind hier eingezogen, gut zwanzig Minuten dauert es, erzählt stolz der Architekt Ivan Reimann, einmal um das Gelände herumzugehen. Es ist bereits das zweite Bundesministerium, das Reimann zusammen mit seinem Büropartner Thomas Müller entworfen hat. 1999 wurde ihr Erweiterungsbau des Auswärtigen Amts am Werderschen Markt übergeben – ein Gebäude, das mit seinem riesigen öffentlichen Glasfoyer vis à vis der Schinkelkirche viele Befürchtungen zerstreuen konnte, die neuen Ministerien würden als Festungen geplant. Seither aber sind die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft worden. Das BMI hat daher keine öffentlichen Bereiche. Dafür ist es von einem Zaun umgeben, der zur Hälfte aus – wirklich – nichts besteht. Ein kleines technisches Meisterwerk, einer der vielen Kniffe, die die Architekten angewandt haben, um die Verwaltungsmaschinerie ein wenig humaner zu gestalten.

          Mit dem Kanzleramt kann der Bundesinnenminister künftig Blickkontakt aufnehmen: Das BMI liegt mitten im Grünen, auf dem Moabiter Werder an der Spree, gegenüber dem Tiergarten. Wer mit der S-Bahn daran vorbeifährt, dem wird es auffallen. Seine Vor-, Rück- und Höhensprünge ergeben ein Mäander, das den „Dinosauriern im Park“, wie Reimann die lose in den Grünraum gestreuten Nachbarn nennt, eine weitere Großform mit ausgeprägtem Charakter hinzufügt. Ebenfalls in Sichtweite liegen die schwungvolle Kongresshalle aus dem Interbau-Jahr 1957 und die „Bumiller-Schlange“, ein nach ihrem Architekten benanntes Wohngebäude, das die S-Bahn-Strecke als Sinuskurve begleitet. Wenig erfreulich dagegen ist die Nachbarschaft auf der Nordseite: Dort stapeln sich Hotelblöcke um den Hauptbahnhof und bedrängen ihn mit aggressiven Fassaden, für die sich mittlerweile der Begriff „Schießschartenfenster“ etabliert hat.

          Symbol eines Diskurses

          Hat nicht auch das Innenministerium solche schmalen Schießscharten? Reimann hält dagegen, dass die Fenster einen Meter breit und drei Meter hoch sind, also riesige Formate haben. Und dass ihr enger Takt im Innern die größtmögliche Flexibilität bietet. Der deutsche Ministerialbeamte sitzt zwar im Einzelbüro, aber ob dieses sich über zwei-, drei oder vier Fensterachsen erstreckt, ist für die Rangordnung von höchster Bedeutung.

          Abwechslung auf den insgesamt mehr als drei Kilometern Beamtenlaufbahn im Gebäude des BMI bieten zwei Innenhöfe und drei große Hallen. Die Künstlerin Friederike Tebbe hat sie mit kräftigen Farben anlegen lassen. Weiße Treppenskulpturen schießen durch die Lufträume und sorgen für ein unerwartetes Innenraumwunder. Wer es einmal erlebt hat, entdeckt auch auf der Außenseite des Baus plötzlich immer mehr schräge Winkel, Prismen, geradezu expressionistische Ecken, die an die Bauten der „kubistischen“ Phase der zwanziger Jahre in Prag erinnern, Ivan Reimanns tschechischer Heimatstadt, die er im Alter von 23 Jahren verlassen musste. 1980 folgte er seinen Eltern in den Westen.

          Ist das Innenministerium eine architektonische Machtgeste? Seine Jurakalk-Fassade rattert unerbittlich dahin, das schon. Aber es gibt kein hohles Pathos, dafür Klarheit und feingearbeitete Details. Im Unterschied zu den meisten Bürobauten, deren Steinfassaden wie auftapeziert aussehen, hat das Innenministerium eine überraschende Tiefe. Die zugleich durch den hellen Stein so heiter wirkt, dass sogar die vielen Polizisten, die in ihren kugelsicheren Westen auf dem Gelände unterwegs sind, für einen Moment eher an Schauspieler erinnern, die ein schönes, stilles Haus um seiner selbst willen bewachen. Doch für den Ernstfall, welchen auch immer, ist das Lagezentrum tief im Innern des Ministeriums vorbereitet. Wenigstens steht für Krisensitzungen ein Symbol des demokratischen Diskurses bereit: ein runder Tisch.

          Weitere Themen

          Ein Ego aus Lego

          Ai Weiwei in Mexiko : Ein Ego aus Lego

          Ai Weiwei spielt mal wieder den Weltpolizisten der Kunst. Diesmal erinnert er Mexikaner an ein Unrecht, an das sie selbst seit Jahren erinnern.

          Topmeldungen

          Auch in Reinigungsberufen gab es ein Minus.

          Negativtrend : Was der Zeitarbeit zu schaffen macht

          Die Zahl der Leiharbeiter geht deutlich zurück, besonders in der Automobilindustrie. Das liegt nicht nur an der schwächeren Konjunktur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.