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Neubau für das BMI : Das Bundesinnenraumwunder

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Mit dem Kanzleramt kann der Bundesinnenminister künftig Blickkontakt aufnehmen: Das BMI liegt mitten im Grünen, auf dem Moabiter Werder an der Spree, gegenüber dem Tiergarten. Wer mit der S-Bahn daran vorbeifährt, dem wird es auffallen. Seine Vor-, Rück- und Höhensprünge ergeben ein Mäander, das den „Dinosauriern im Park“, wie Reimann die lose in den Grünraum gestreuten Nachbarn nennt, eine weitere Großform mit ausgeprägtem Charakter hinzufügt. Ebenfalls in Sichtweite liegen die schwungvolle Kongresshalle aus dem Interbau-Jahr 1957 und die „Bumiller-Schlange“, ein nach ihrem Architekten benanntes Wohngebäude, das die S-Bahn-Strecke als Sinuskurve begleitet. Wenig erfreulich dagegen ist die Nachbarschaft auf der Nordseite: Dort stapeln sich Hotelblöcke um den Hauptbahnhof und bedrängen ihn mit aggressiven Fassaden, für die sich mittlerweile der Begriff „Schießschartenfenster“ etabliert hat.

Symbol eines Diskurses

Hat nicht auch das Innenministerium solche schmalen Schießscharten? Reimann hält dagegen, dass die Fenster einen Meter breit und drei Meter hoch sind, also riesige Formate haben. Und dass ihr enger Takt im Innern die größtmögliche Flexibilität bietet. Der deutsche Ministerialbeamte sitzt zwar im Einzelbüro, aber ob dieses sich über zwei-, drei oder vier Fensterachsen erstreckt, ist für die Rangordnung von höchster Bedeutung.

Abwechslung auf den insgesamt mehr als drei Kilometern Beamtenlaufbahn im Gebäude des BMI bieten zwei Innenhöfe und drei große Hallen. Die Künstlerin Friederike Tebbe hat sie mit kräftigen Farben anlegen lassen. Weiße Treppenskulpturen schießen durch die Lufträume und sorgen für ein unerwartetes Innenraumwunder. Wer es einmal erlebt hat, entdeckt auch auf der Außenseite des Baus plötzlich immer mehr schräge Winkel, Prismen, geradezu expressionistische Ecken, die an die Bauten der „kubistischen“ Phase der zwanziger Jahre in Prag erinnern, Ivan Reimanns tschechischer Heimatstadt, die er im Alter von 23 Jahren verlassen musste. 1980 folgte er seinen Eltern in den Westen.

Ist das Innenministerium eine architektonische Machtgeste? Seine Jurakalk-Fassade rattert unerbittlich dahin, das schon. Aber es gibt kein hohles Pathos, dafür Klarheit und feingearbeitete Details. Im Unterschied zu den meisten Bürobauten, deren Steinfassaden wie auftapeziert aussehen, hat das Innenministerium eine überraschende Tiefe. Die zugleich durch den hellen Stein so heiter wirkt, dass sogar die vielen Polizisten, die in ihren kugelsicheren Westen auf dem Gelände unterwegs sind, für einen Moment eher an Schauspieler erinnern, die ein schönes, stilles Haus um seiner selbst willen bewachen. Doch für den Ernstfall, welchen auch immer, ist das Lagezentrum tief im Innern des Ministeriums vorbereitet. Wenigstens steht für Krisensitzungen ein Symbol des demokratischen Diskurses bereit: ein runder Tisch.

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