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Menzels „Schlittschuhläufer“ : Auf glattem Eis

Der Schlittschuhläufer“, ein Pastell Adolph Menzels, entstand 1855/56, lange vor den Bildern von Degas und Toulouse-Lautrec. Aber es ist ihnen voraus. Jetzt gehört es dem Berliner Kupferstichkabinett.

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          Die Schlittschuhläufer“, ein Pastell Adolph Menzels von 1855/56, das lange aus dem Bewusstsein der Kunstgeschichte verschwunden war, konnte nun nach gründlicher Provenienzrecherche aus Privatbesitz für das Berliner Kupferstichkabinett erworben werden. Da sich das kleinformatige Pastell seit seinem Verkauf 1955 durchgängig in einer Frankfurter Familiensammlung befand und auch nicht Teil der von Hugo von Tschudi 1905 organisierten großen Menzel-Retrospektive in Berlin war, kannten es selbst Menzel-Experten bis vor kurzem nicht. Im vorigen Jahr erhielt dann das Kupferstichkabinett auf einer Auktion der Villa Grisebach in Berlin den Zuschlag.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf den ersten Blick wirkt das Blatt mit seinen stark überwiegenden Brauntönen beinahe etwas trist. Vor den wie ein Bühnenvorhang fallenden dunklen Bäumen zu beiden Seiten lösen sich aus einer ebenfalls braunen amorphen Menschenmenge zwei Gruppen, das Ganze auf einem zugefrorenen schlauchförmigen Wasserlauf: Wie gespiegelt an der Achsenfigur eines auffällig schlank silhouettierten Schlittschuhläufers in der Mitte, eilt rechts mit dynamischer Geste ein Mann einem Gestürzten zu Hilfe, während auf der linken Seite zwei Herren mit Zylinder eine Frau in ausladendem Glockenrock an den Händen halten und mit ihr zentrifugal aus dem Bild rauschen. Die Gesichter der beiden sind hinter einem leuchtend grünen respektive weißen Schal nicht zu erkennen, wohingegen der Kopf der jungen Frau mit blondem Haar und geröteten Wangen von Menzel sorgfältig wie eine schöne Madonna um 1400 ausgearbeitet wurde.

          Und obwohl das Kleid der Frau mit seiner hellbraun-dunkelbraunen Streifung vor der gleichfarbenen Baumkulisse unscheinbar wie ein Armee-Tarnanzug wirkt, zeigt sich genau hierin das Raffinement Menzels. Wie so oft für seine Pastelle nutzt der Künstler auch für „Die Schlittschuhläufer“ in französischer Manier ein bräunlich getöntes Papier, um vom Dunklen ins Helle zu arbeiten. Das wenige, was er an Farbakzenten setzt, hat dadurch eine geradezu überwältigende Strahlwirkung: Ein einziger Streifen Rot und ein Tupfer Blau auf dem Tarnkleid genügen, um als Augenmagnet zu fungieren. Hinter der schlittschuhfahrenden Menage à trois setzt eine von Menzel nur schemenhaft angedeutete Frau in Orangerot und Blau ebenso einen Akzent wie einige Meter weiter rechts eine Gestürzte in rotem Mantel mit weißem Pelzbesatz und grünem Rock, der aufgeholfen wird; schließlich leuchtet daneben noch ein Mädchen in kaltblassblauem Mantel mit zartrosa Kopftuch aus dem schlammfarbenen Sfumato heraus, das mit seinen Händen in einem dicken Pelzmuff und dem nach hinten abwehenden Tuch wie eine Wiedergängerin aus den Winterbildern Bruegels erscheint.

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          Der buchstäbliche Höhepunkt dieses homöopathischen Einsatzes von Farbe aber ist an der Kufe desjenigen Schlittschuhläufers zu sehen, der – wie die ins Eis gravierte Spur unter ihm zeigt – offenbar in der Bewegung kehrtgemacht hat, um dem Gestürzten rechts zu Hilfe zu kommen: Menzel höht lediglich den hinteren Teil seiner Schuhe mit einem grellen Gelb, so dass hier das Momentum eines kurzen Aufblitzens eines winzigen Rests von Sonnenlicht auf den gelbbraunen Lederschuhen eingefangen ist.

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