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Das alte Ägypten von Frankfurt : Als hätte Tuts Hofstaat die Staubwedel geschwungen

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Eine Antikenausstellung, ausschließlich bestückt mit Repliken! Aber wer hinter „Tutanchamun“ in Frankfurt ein Windei mutmaßt, wird überrascht.

          Diese Familie hat es wahrlich zu etwas gebracht: Nach 3300 Jahren ist sie so bekannt wie die Pyramiden. Pharao Amenophis III., den prunkliebenden Großvater, und seine Gemahlin, die schöne Stahlmagnolie Teje, schätzt jeder Museums- und Ägyptenbesucher. Ihr Sohn Echnaton bannt Ägyptologen und Theologen, Ägypten-Fans und Esoteriker allerorts als erster Stifter eines Monotheismus, und seine Gattin Nofretete, die Rätselschöne mit der azurblauen Kronhaube, kennt sogar, wer Kairo für eine Zigarettenmarke und Memphis für die Stadt Elvis Presleys hält. Nur ihr Schwiegersohn Tutanchamun übertrifft sie: Die Konturen seiner Goldmaske genügen, und von Las Vegas bis Limburg erkennt jeder den jung gestorbenen Pharao, dessen Grab Howard Carter 1922 entdeckte. Momentan wirbt die Maske vor nachtblauem Hintergrund auf jeder Plakatwand des Rhein-Main-Gebiets für die Frankfurter Riesenschau „Tutanchamun. Das Grab und seine Schätze“, veranstaltet und betreut von einer - Konzertagentur.

          Genauer betrachtet aber ähneln die vertrauten Züge auf den Plakaten dem Teenie-Idol Justin Bieber oder Robert Pattinson, dem blassen Romeovampir, der derzeit die globale Weiblichkeit zwischen elf und siebzehn verhext. So braucht es nur noch den Pappmaché-Tempelpylon, der vor lapislazuliblauen Zäunen mit einem Dutzend Sponsorennamen als möchtegernpompöser Zutritt ins riesige Ausstellungszelt (viertausend Quadratmeter) fungiert, und schon triumphieren alle Ressentiments gegen diese Schau, in der eintausend Repliken statt Originalen zu sehen sind. Hereinspaziert zur nächsten Bestätigung, dass dies alles eine windige Angelegenheit sei: Über der Cafeteria und den Replikat-Heeren des Museumsshops - Espresso und Souvenir kommen vor dem Kunstfall - schwebt im Hintergrund die berühmte Tut-Skulptur aus türkisgrünem Granit. 1903 im Tempelvorhof von Karnak entdeckt, erster Hinweis auf den Pharao, dessen Gedächtnis seine Nachfolger getilgt hatten, veranlasste sie, samt Kleinfunden, Carter zur Grabessuche. Nicht schlecht kopiert, sieht man von Nahem. Sogar das Gesicht, diese Mischung aus individuellem Kind und idealem Gott, die Tuts originale Porträts unverwechselbar macht, ist exakt nachgeformt. Doch der Widerwillen gegen ein Fake-Spektakel sitzt fest. Er übersteht noch die Abteilungen mit den Kommentaren und Filmen zur Kultur Altägyptens, zu Tuts Dynastie und der Entdeckung.

          Uralte Götzenkulte mit raffinierter Ästhetik

          Zu viel „Terra X“, Indiana Jones und Cinecitta neben der Fülle an Information. Das will man auch im nächsten, dämmrig ausgeleuchteten Saal geltend machen - und ist doch bald gebannt vom Nachbau dreier Grabkammern, der wiedergibt, was Carter vorfand, als er die originale Stätte zum ersten Mal betrat: Dicht an dicht, teils penibel geordnet, teils in heillosem Wirrwarr, stehen, stapeln sich Prunkbetten, Truhen, Schränkchen, Stühle und Hocker, Vasen und Waffen. Hollywoods „Jäger des verlorenen Schatzes“ hatte seine Hände im Spiel: Das Gold glänzt, und die Farben sprühen, als hätte Tuts Hofstaat gerade die Staubtücher geschwungen. Dabei watete Carter 1922 in knöcheltiefem Moder, den dreitausend Jahre Verfall, Insekten und Mikroben über die Schätze und auf den Boden gehäuft hatten. Trotzdem liegt einem sein legendäres „Ich sehe wunderbare Dinge“ auf den Lippen. Und wie er sieht man, dass Grabräuber hier wüteten.

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