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Damien Hirst in London : Kunst? Darf gern schocken. Muss aber schön sein

  • -Aktualisiert am

Das Emirat Qatar sponsert Damien Hirsts erste Retrospektive in der Tate Modern. Die Londoner Schau verrät viel über einen Machtwechsel in der Kunstwelt, der auch den Kunstbegriff verändert.

          5 Min.

          Steve Cohen war nicht zufrieden. Er hatte sich für neun Millionen Euro ein Kunstwerk gekauft, einen in Formaldehyd eingelegten Hai in einem gläsernen Aquarium - aber das Tier befand sich dort schon eine Weile, genaugenommen seit 1991. Damals hatte der Hai den jungen Künstler Damien Hirst berühmt gemacht, seitdem war er der Einlege-Hirst, der ganze und halbierte Kühe und Schafe und Kälber in Formaldehyd konservierte, der Vitrinen-Hirst, der Tausende bunter Pillen in gläsernen Regalen auslegte, auch sie das Bild eines Konservierungsversuchs, mit dem der menschliche Körper vor dem Verfall gerettet werden soll. Im Fall des Hais hatte die Konservierung aber nicht richtig funktioniert: Die Haut zerfledderte, und weil Hirst die inneren Organe nicht mit Formaldehyd hatte spritzen lassen, faulten sie, bis Leberflüssigkeit in den Tank austrat; das Tier begann, ekelweich und blass in einer braunen Brühe zu schwimmen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das mochte Cohen - ein Hedgefondsmanager, der Kunst sammelt und wie zur Bestätigung der allerbilligsten Hedgefonds-Klischees den Hirst-Hai neben einem aus gefrorenem Menschenblut geformten Kopf des Künstlers Marc Quinn in der Lobby seines Unternehmens ausstellte - nicht hinnehmen. Ein matschiger Hai macht sich nicht gut in der Lobby, das sah auch der Künstler ein; nachdem für das Werk bereits 1991 eigens ein Tigerhaiweibchen vor der australischen Küste gefangen und getötet worden war, ließ man einfach einen Ersatzhai jagen. Aber das ist auch schon wieder ein paar Jahre her, und so wirken die zwei in Formaldehyd-Aquarien eingesargten Haie, die in der gestern eröffneten ersten Museumsretrospektive des 1965 geborenen Künstlers in der Londoner Tate Modern zu sehen sind, beide mitleiderregend matt.

          Vom Minimal und Gerhard Richter beeinflusst

          Am vergangenen Montagabend fanden die Vorbesichtigung und ein Essen statt, bei dem die Leih- und Geldgeber geladen waren; zwei Russinnen entstiegen einem Mercedes und wanderten zur Themse vor, eine trug eine knallrote Handtasche, die wie ein soeben aufgegangener Airbag vor ihrem Bauch hing, die andere eine silberglitzernde Hose, als wolle sie es mit Hirsts teuerstem Kunstwerk aufnehmen, für das draußen auf großen Plakaten geworben wird: Ein mit 8601 Brillanten besetzter Totenschädel aus Platin, der vor kurzem für 75Millionen Euro von einer Bietergemeinschaft übernommen wurde, zu der auch Hirst selbst gehört: Das Ding ist eher vanity für den neorussischen Glitteramageschmack als klassisches Vanitassymbol und hält den Rekordtitel des teuersten Werks eines lebenden Künstlers. Später sah man im Museum ein paar Herren herumlaufen, die offenbar das Emirat Qatar vertraten, das die Ausstellung sponsert und nach Doha holen wird. Dann tauchte Miuccia Prada auf, die zu den zahlreichen Leihgebern der Schau gehört. Neben ihr finden sich in dieser Liste auch die Vuitton Foundation, hinter der der Unternehmer Bernard Arnault steht, und François Pinault, der Besitzer des Luxuskonzerns PPR, zu dem Marken wie Gucci, Brioni und L’Oreal gehören.

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