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Da Vinci in London : Der Herrscher über die Seelen

Warum wollen immer alle Leonardo da Vincis Bilder sehen? Die gloriose Schau in der National Gallery in London verträgt das Spektakel und antwortet mit wissenschaftlicher Brillanz.

          Als Nicholas Penny die Leitung der National Gallery übernahm, verkündete er, keine „Blockbuster“-Ausstellungen machen zu wollen. Der Begriff behage ihm nicht, sagte er damals, darin schwinge eine Mentalität mit, die den Erfolg nach Besucherzahlen messe. Penny plädierte vielmehr dafür, das Risiko zu wagen, das zu tun, was man für richtig halte, und nicht dem Populismus zu frönen. Dreieinhalb Jahre später inszeniert die National Gallery mit „Leonardo da Vinci, Hofkünstler in Mailand“ die „Blockbuster“-Ausstellung schlechthin. Leonardo ist garantierter Kassenrenner. Jedoch wird die Londoner Schau gleichzeitig schon jetzt als Jahrhundertereignis gefeiert, weil noch nie so viele Gemälde von Leonardo an einem Platz vereint worden sind.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In London hängt zurzeit mehr als die Hälfte der - je nach Zuschreibung - schwankenden Zahl von rund fünfzehn überlieferten Gemälde des Künstlers, dessen gesamtes malerisches OEuvre auf kaum mehr als zwanzig Arbeiten beziffert wird. Allein die zwei Fassungen von Leonardos „Felsgrottenmadonna“ aus dem Louvre und der National Gallery in ein und demselben Raum betrachten zu können ist eine Sensation, zumal anhand dieser Gegenüberstellung einer der Kernthesen der Schau veranschaulicht wird: Leonardos Entwicklung von der induktiven Darstellung der Schöpfung, wie sie in dem ursprünglichen, naturgetreueren Bild aus dem Louvre erkennbar ist, zu einem induktiven Schönheitsbegriff.

          Ein notorischer Popstar

          Im Voraus buchbare Karten für die Ausstellung waren bereits vor der Vernissage bis Mitte Dezember ausgebucht. Die Eröffnungsfeier mit Prominenz aus Film, Kunst, Mode und Theater wurde am gestrigen Dienstagabend vom Sky-Kultursender ausgeschmückt mit boulevardesken Histörchen über einzelne Werke, achtzig Minuten lang direkt im Fernsehen übertragen und in vierzig Kinos ausgestrahlt. Ganz im Geiste der gegenwärtigen Celebrity-Kultur kommt Leonardo die Aufmerksamkeit eines Popstars zu. Das war allerdings schon zu seinen Lebzeiten so.

          Kurz nach seiner Rückkehr in die florentinische Heimat nach achtzehnjähriger Abwesenheit in Mailand wurde sein Karton mit der Jungfrau, dem Christuskind, der heiligen Anna und dem Johannesknaben im Servitenkloster der SS Annunziata ausgestellt. Vasari berichtet, wie „zwei Tage lang Männer und Frauen, jung und alt, wie zu einem glänzenden Feste nach dem Zimmer wallfahrten, um das Wunderwerk Leonardos zu betrachten, welches das ganze Volk in Erstaunen versetzte“.

          Gegen Leonardos „Übersäkularisierung“

          Dennoch steht die Leonardo-Ausstellung trotz des unvermeidlichen „Blockbuster“-Rummels im Einklang mit Nicholas Pennys Vorsatz, sich nicht dem Trivialen und Populären zu beugen. Die vorbildliche Präsentation von Leonardos künstlerischer Entwicklung am Hof des Ludovico Sforza, mit der sich Luke Syson, Kurator der italienischen Malerei vor 1500 ans Metropolitan Museum in New York verabschiedet, stellt in ihrer Klarheit und Seriosität die allerhöchsten wissenschaftlichen Ansprüche. Am Anfang steht Leonardos noch ganz in der mittelalterlichen Gedankenwelt verankerte Zeichnung eines Vertikal- und Horizontalschnitts durch den menschlichen Schädel, die, ganz im Einklang mit seinem Aphorismus, wonach das Auge das Fenster der Seele sei, seine Vorstellung von der direkten Verknüpfung zwischen Sehen und Denken, zwischen Wahrnehmung und Verstand, zwischen dem Wahren und dem Ideellen vermittelt, die seiner Kunst zugrunde liegt.

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