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Ai Weiwei im spanischen Cuenca : Ein Ritter von aufrechter Gestalt

Via dolorosa in China, zu sehen in Cuenca: Ai Weiwei bildet seine eigene Festnahme in diesem Kunstwerk lebensgroß nach. Bild: Foto Ai Weiwei Studios/Lisson Galler

In der Kathedrale von Cuenca wird Cervantes in den Kontext von Ai Weiwei und der spanischen Moderne gestellt: Eine Hommage auf Sonderlinge, Abweichler und Normverletzer.

          5 Min.

          Das Ermüdende an Cervantes-Gedenkjahren ist, dass sie vor allem spanische Staatssekretäre aufscheuchen und dem Betrieb zwölf Monate lang das Scheinleben der Repräsentationskultur einhauchen: leere Beschwörungen eines Klassikers, den nachweislich mehr als neunzig Prozent aller Spanier nur vom Hörensagen kennen. Schon allein deswegen lohnt sich zum Gedenken des Cervantes-Todesjahrs 1616 die Reise nach Cuenca knapp zwei Autostunden östlich von Madrid.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In der Kathedrale der kleinen Bergstadt ist die Ausstellung „Die Poetik der Freiheit“ zu sehen, die aus drei Teilen besteht: illuminierten Tuschzeichnungen nach Quijote-Motiven des zeitgenössischen Künstlers (und Mitkurators) Florencio Galindo, einer Installation von Ai Weiwei und einem kleinen Saal mit Werken der sogenannten „Informalisten“, oppositionellen Malern der frühen Franco-Zeit, die in Cuenca normalerweise im Museum für Abstrakte Kunst hängen. Teil vier, das wird mit jedem Schritt spürbarer, ist die gotische Kathedrale Nuestra Señora de Gracia selbst, die zu diesem Anlass taghell illuminiert wurde.

          Man muss sich zur „Freiheit“ im Titel das Gegenteil hinzudenken, denn darum geht es in der Schau: um Spielarten von Gefangenschaft und Rebellion, um Normverletzung, Einzelgängertum und kreativen Starrsinn. Neben handgreiflicher Kerkerhaft kommt so der Gedanke des ästhetischen Wagnisses ins Spiel. Galindos Quijote-Zeichnung zu Beginn der Ausstellung rückt die Gitterstäbe in den Vordergrund, durch die das Ich in die Welt schaut.

          Vorläufer des „totalen“ Romans

          Es ist das Präludium für die Provokationskunst von Ai Weiwei, aber auch eine Erinnerung an die reale Gefahr von Übertretung und Dissidenz im Leben von Miguel de Cervantes. Dieser saß zwischen 1575 bis 1580, nachdem das Schiff, auf dem er von Neapel nach Spanien reiste, von algerischen Piraten gekapert worden war, fünf Jahre in algerischer Gefangenschaft.

          In den Kapiteln 39 bis 41 des ersten Romanteils kehren diese harten, von Folter und Todesangst gezeichneten Jahre in kaum verhüllter autobiographischer Schilderung wieder. Die folkloristische Bildüberlieferung seines Meisterwerks hat den existentiellen Ernst des Romans verdunkelt und den Aussagekern auf die komische Geschichte vom hageren Ritter und seinem dicken Knappen reduziert, aber der Weg des Autors Cervantes ist tragisch und durchaus von kastilischem Heroismus geprägt.

          Bei seinen vier gescheiterten Ausbruchsversuchen in Algier etwa nahm er die Schuld auf sich und tat alles, um seine Mithäftlinge zu schützen. Auch der „Don Quijote“, dessen Niederschrift Cervantes im Gefängnis beginnt, in das er viele Jahre später unschuldig gerät, trägt die Züge eines großen Freiheitstraktats: als Spiel um italienische Regelpoetik und ausufernde Metafiktion, als Hybrid zwischen damaliger Klassik und einer nie gelesenen Avantgarde, die heute als Vorläuferin des vielstimmigen, jede Textart absorbierenden „totalen“ Romans gilt.

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