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Lucas Cranach wird gefeiert : Der große Erzähler unter den Malern

Luther ließ sich lieber von ihm porträtieren als von Dürer: Drei Thüringer Museen widmen sich gleichzeitig der ungeheuer erfolgreichen Bildproduktion von Lucas Cranach und seinem Sohn.

          Zwei historische Ereignisse entschieden über die Karriere des Malers Lucas Cranach. Das eine war im Oktober 1517 der Beginn der Reformation, die den wittenbergischen Hofkünstler, Apothekenbesitzer und Gastwirt Cranach binnen fünf Jahren zum führenden Bildpropagandisten des deutschen Protestantismus, zum Trauzeugen Luthers und ersten Verleger von dessen Übersetzung des Evangeliums machte. Das andere war eine Schlacht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am 24.April 1547 überfielen bei Mühlberg an der Elbe knapp dreißigtausend Soldaten unter dem Befehl Kaiser Karls V. das Heer des Schmalkaldischen Bundes protestantischer Fürsten, das auf dem Rückzug in Richtung Wittenberg war, und vernichteten es. Der Anführer der Protestanten, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, Cranachs Arbeitgeber, wurde verletzt gefangengenommen. Johann Friedrich, berichtet Leopold von Ranke in seiner „Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation“, geriet mit einem ungarischen Husaren aneinander und „wehrte sich männlich“, so dass der Husar „schon glaubte, ihn entleiben zu müssen“, als ein sächsischer Adliger die Situation rettete. „Nur einem Deutschen wollte der Fürst seine Ehre verpfänden; dem Husaren überließ er seinen Dolch und sein Schwert, dem Deutschen gab er seinen Ring.“

          Mit blutiger Wange und mattem Harnisch

          Vierzehn Tage später wurde Johann Friedrich als Rebell zum Tode verurteilt, nach weiteren neun Tagen unterschrieb er, auf Bitten anderer Reichsfürsten zu lebenslanger Haft begnadigt, die Wittenberger Kapitulation, durch die sein Kurhut und seine Hauptstadt auf das rivalisierende Wettinergeschlecht der Albertiner übergingen. Ihm selbst blieb, neben dem Rumpfgebiet um Jena, Gotha und Eisenach, das der siegreiche Kaiser dem zum Herzog Degradierten überließ, eine lange Narbe im Gesicht als Zeichen seines Mutes in der Schlacht. So hat ihn Karls Hofmaler Tizian im Folgejahr gemalt, mit blutiger Wange, mattem Harnisch und gesenktem Schwert: ein Bild des Triumphs, aber auch ein Zeichen des Respekts, den man dem tapferen Gegner erwies.

          Fünf Jahre lang schleppte der Kaiser seinen Gefangenen noch landauf, landab mit sich durch das religiös aufgewühlte Heilige Römische Reich, ehe er Johann Friedrich in seine neue Residenz Weimar entließ. Es gibt ein Schlüsselbild aus dieser Zeit, das die letzte Begegnung des freigelassenen Herzogs mit dem wieder in die Defensive gedrängten Karl in Trient zeigt. Ehrerbietig tritt der massige Sachse an die Sänfte mit dem gichtbrüchigen Kaiser heran und reicht ihm die Hand. Hinter ihm, am offenen Kutschenschlag, wartet neben drei Hellebardieren sein vertrauter Begleiter, der greise Maler Lucas Cranach.

          Cranach war jeden Groschen wert

          Das Gemälde, von einem Anonymus um 1554 geschaffen, ist ein Fundstück der Cranach-Ausstellung im Herzoglichen Museum Gotha, die „Bild und Botschaft“ dieses Künstlers und seiner Sippe ausbreiten will. Denn es verbirgt die Wahrheit ebenso, wie es sie enthüllt. Drei Jahre hatte Cranach gewartet, bevor er seinem Landesherrn in die Gefangenschaft gefolgt war. Und selbst dann handelte er mehr aus Not als aus Freundschaft. Dem Maler saßen die Gläubiger im Nacken, der sächsische Kunst- und Immobilienmarkt war zusammengebrochen, das Netzwerk der protestantischen Fürstentümer, das die Cranach-Werkstatt belieferte, zerrissen. Der alte Lucas kam zu Johann Friedrich, weil der ihm, obwohl selbst bankrott, ein Festgehalt zahlte: hundert Gulden jährlich.

          Aber Cranach war jeden Groschen wert. Bald malte er auch für den Herzog von Alba, den Heerführer Karls V., und den Sohn des allmächtigen Kanzlers Antoine Perrenot de Granvelle; und so wie Tizian seinen Herzog porträtierte, konterfeite Cranach den Kaiser, nicht in Rüstung freilich, sondern als Privatier im schwarzen Rock, sinnend, grau und müde.

          Beide Gemälde, Tizians Herzog aus dem Prado und Cranachs Karl aus Eisenach, sind zusammen mit einem weiteren Tizian-Bildnis Johann Friedrichs in der Weimarer Cranach-Schau zu sehen, die insgesamt doch die profilierteste und anregendste, wenn auch nicht die üppigste der drei Thüringer Ausstellungen zum Jubiläumsjahr ist. Das Jubiläum freilich, das da gefeiert wird, hat wenig mit Cranach dem Älteren zu tun, dessen Lebensdaten, 1472 bis 1553, keinen runden Anlass hergeben, dafür umso mehr mit seinem Sohn, der vor fünfhundert Jahren in Wittenberg geboren wurde. Und auch dazu hat Weimar das unübertreffliche Exponat.

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