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Corot in Karlsruhe : Der Gott des Waldes

Erst kamen seine Spaziergänge durch Seelenlandschaften, dann kam die Moderne. Die Karlsruher Kunsthalle zeigt das Werk des französischen Malers Camille Corot.

          Wer Corot verstehen will, muss Proust lesen: „Ferner aber war sie auch umgeben von Bildern der Landschaft, in der ich sie kennengelernt hatte und an die sie mich erinnerte . . . denn unser Leben ist zwar schweifend, doch unser Gedächtnis sesshaft, und selbst wenn wir ruhelos weiterjagen, führen unsere Erinnerungen, ihrerseits den Stätten fest verhaftet, von denen wir uns lösen, dort gleichwohl weiter ihr ortsgebundenes Leben wie jene Augenblicksfreunde, die der Reisende in einer Stadt gefunden hat und die er verlassen muss, wenn er von dort wieder scheidet . . .“. Und genau diese Landschaften, diese Erinnerungen, diese Abschiede hat Camille Corot gemalt.

          Von Landschaftsklängen und Waldesdunkel

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das heißt: Er hat die Landschaften seines Lebens gemalt, aber so, dass wir unsere eigenen Lebenslandschaften in ihnen wiedererkennen, auch wenn wir noch nie am Flussufer gegenüber der Kathedrale von Mantes, an der Brücke von Narni oder vor den alten Eichen von Fontainebleau gestanden haben. Er hat der Landschaft einen Klang gegeben, der im Betrachter weiterklingt und andere, verwandte Klänge weckt, die das Erlebnis des Bildes erst vollständig machen: als Einheit von Form und Gefühl. Etwa die „Erinnerung an Ville d’Avray“ von 1872, entstanden drei Jahre vor Corots Tod: Seine Eltern hatten in dem Dorf im Seine-Département ein Landhaus, in dem später Corots Schwester mit ihrer Familie lebte, es gab dort Gemüsebeete und Blumenwiesen, Fischteiche und einen Pavillon. Corot aber malt etwas anderes: eine einsame Frauengestalt im Gras, den Blick auf eine ferne Lichtung gerichtet, über die ein Tier läuft, vielleicht ein Reh; darüber ein Stück Himmel.

          Der ganze Vordergrund aber verschwimmt in Waldesdunkel und Blätterrauschen, im Dickicht der Äste, im Spiel des Windes; das Bild löst sich auf, die Grün-, Braun- und matten Grautöne beginnen zu flirren, im nächsten Augenblick wird alles zerstoben sein. Man kann das „rêverie“ nennen, Träumerei, wie es ein kluger Aufsatz im Katalog der Corot-Ausstellung in Karlsruhe tut, wo das Bild jetzt erstmals in Deutschland zu sehen ist, oder „mélancolie moderne“, wie es die Zeitgenossen des Malers taten. Jedenfalls ist es alles andere als das, was Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als Corots Künstlerkarriere begann, von einem Landschaftsmaler erwartet wurde. Es ist keine äußere, akademisch sauber komponierte, sondern eine innere, eine Seelenlandschaft. Und dadurch geradezu bestürzend modern.

          Alles, nur kein Impressionist

          Über Corot kann man nicht reden, ohne die schwarze Wolke zu erwähnen, die sein Ansehen verdunkelt. Der Erfolg, der ihn nach zwanzig mageren Jahren um 1845 herum endlich ereilte, machte ihn zum Star des gerade entstehenden Kunstmarkts, und der freundliche père Corot, der keinem etwas abschlug, blähte die Spekulationsblase noch zusätzlich auf. Großzügig signierte er Arbeiten von Schülern und Bewunderern und frischte schwache Kopien mit ein paar Pinselstrichen zu Originalen auf, von denen bald jeder mittlere Galerist dies- und jenseits des Atlantiks eine Handvoll im Bestand hatte. Corot habe dreitausend Bilder geschaffen, von denen zehntausend in Amerika hingen, witzelte ein Kunstkritiker, und dieses Bonmot, obwohl weit übertrieben, klebt am Nachruhm des Malers wie ein Fliegendreck.

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