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Art Spiegelman zum 70. : Er lehrt uns, Comics ernst zu nehmen

Art Spiegelman 2013 in seinem New Yorker Atelier Bild: dpa

Art Spiegelman ist weit über Comic-Kreise hinaus eine Legende. Dafür gibt es gute Gründe. Zum siebzigsten Geburtstag des amerikanischen Zeichners.

          Er ist der bedeutendste lebende Comiczeichner, und was für eine Achtung er einflößt, zeigt sich daran, dass die amerikanische Bestseller-Autorin Hanya Yanagihara, die im selben New Yorker Haus wohnt, in dem er sein Atelier hat, sich jahrelang nicht traute, ihn anzusprechen. Art Spiegelman ist eine Legende, und das weit über Comic-Kreise hinaus. Der Grund: Es gibt genre- und kulturübergreifend eine Zeit vor „Maus“ und eine danach. Das Erzählen in Bildern allgemein hat sich mit dieser autobiographischen Geschichte, deren Publikation Spiegelman 1980 begann und 1991 abschloss, geändert.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Weil der Sohn von zwei polnischen Überlebenden der Schoa darin die traumatischen Erlebnisse seiner Eltern, aber auch die eigenen als in der Nachkriegszeit geborenes Kind, das seinen älteren Bruder nie kennengelernt hat, weil der im Getto starb, in einer mediumbedingten Anschaulichkeit vorführte, die man trotz aller Buch- oder Filmdokumentationen und Erinnerungen von Opfern wie Tätern nie zuvor gesehen hatte. Das Entsetzen war einerseits gemildert durch die comicspezifische Darstellung der Protagonisten als Tierfiguren – Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen –, andererseits aber just dadurch erst zur Kenntlichkeit gebracht: in der buchstäblichen Unmenschlichkeit des Geschehens.

          Spiegelman tat dabei nichts anderes, als sich der im Comic etablierten graphischen Codes zu bedienen. Am 15. Februar 1948 noch in Stockholm geboren, wo die Eltern als displaced persons auf die Überfahrt in die Vereinigten Staaten warteten, weil keine Angehörigen mehr lebten, die sie in Europa hätten zurückhalten können, wuchs Spiegelman als Einzelkind in einem New York auf, in dem die Lektüre von Comicheften sein liebster Zeitvertreib wurde – begünstigt durch den Vater, dessen durch die Lagererfahrungen erzwungene Sparsamkeit ihn unbesehen stapelweise billige Comics aus Wühlkisten in Trödelläden kaufen ließ, so dass sein Sohn einen Querschnitt durch das ganze Spektrum der in den fünfziger Jahren blühenden amerikanischen Comicpublikationen bekam: von Disney-Geschichten über die bereits verfemten Horror- und Crime-Hefte bis zum gerade frisch etablierten satirischen „Mad Magazine“.

          Kein Entkommen: Selbstporträt mit „Maus“-Maske aus dem Jahr 1989 für die Zeitschrift „Village Voice“

          Das war die ästhetische Grundlage für einen Zeichner, der die große Retrospektive seines Werks, die 2014/15 durch die ganze Welt tourte, mit „Co-Mix“ betitelte – Spiegelman ist ein fabelhafter Eklektiker. Aber auch einer der ganz großen Theoretiker und Historiographen seines Metiers, der im reifen Alter immer mehr zum Wiederentdecker wird. Seine jüngste Leistung ist die Herausgabe und umfangreiche Kommentierung einer erstmals 1957 erschienenen und danach vergessenen Bildergeschichte eines noch rechtzeitig vor der Schoa aus Deutschland nach Amerika geflohenen Juden: Si Lewens „Parade“. Zur Epoche nach „Maus“ gehört auch – nicht nur bei Spiegelman selbst – ein Interesse für Pioniere dessen, was trotz der Bezeichnung „Comic“ denkbar ernste Inhalte zu bieten hat.

          Heutzutage hat sich dafür der Begriff „Graphic Novel“ eingebürgert, den Spiegelman als prätentiös verabscheut, weil damit just die Eigenständigkeit der Erzählweise des Comics gegenüber dem klassischen Roman eingeebnet werde. Nicht umsonst hat Spiegelman nicht nur jedem Angebot, „Maus“ zu verfilmen, eine Absage erteilt, sondern auch dem Gedanken an eine Buchfassung ohne Bilder, obwohl mehr als genug Material verfügbar wäre: Die sich über Jahre erstreckenden Gespräche mit seinem Vater bis zu dessen Tod 1982 sind komplett transkribiert; mit der Mutter hatte Spiegelman nicht mehr reden können, denn sie nahm sich 1968 das Leben, als ihr Sohn zwanzig Jahre alt war. Aus Auschwitz hatte sie sich selbst in Amerika nie befreien können. Das war der Auslöser für das autobiographische Projekt des Sohns.

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