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Musik im Jüdischen Museum : In jedem Bild steckt ein Klang

Ein Synästhetiker, in dem Bilder Klänge erzeugen: Itay Dvori Bild: Jakob Reinhardt

Comics kann man nicht nur lesen, sondern auch hören: In Berlin gibt der Pianist und Komponist Itay Dvori ein spannungsreiches Comic-Konzert mit Graphic Novels über Israel.

          Im dunklen Saal der W. Michael Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums Berlin ist eine einfache Leinwand heruntergezogen. Daneben steht ein Flügel. Kaum vorstellbar ist, dass mit so bescheidenen Mitteln Kunst zum Leben erwacht, die unbeteiligte Zuschauer in ihren Bann ziehen kann. Doch mit dem ersten Ton, der das erste Bild begleitet, legt sich sofort jegliche Skepsis.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der israelische Komponist und Pianist Itay Dvori wählt sieben Graphic Novels israelischer und deutscher Künstler, aus denen er ein Comic-Konzert macht. Alle Geschichten handeln – passend zum Gründungsjubiläum des Staates – von Israel.

          Es beginnt mit einer zunächst leichten und lustigen, dann immer geheimnisvolleren Geschichte von Rutu Modan. Auf die Leinwand werden die Comic-Bilder projiziert, und wie in einem Stummfilm sitzt daneben am Flügel Itay Dvori und spielt die Töne, Rhythmen und Melodien, die ihm dazu einfallen. Anders als im Seitenaufbau der Comics sind nie mehrere Bilder gleichzeitig zu sehen, sondern immer nur eines, das abhängig vom Tempo des Klaviers von den Zuschauern mitunter recht schnell erfasst werden muss.

          Treffsichere Komposition

          Die von ihm selbst komponierte Musik ist ungeheuer treffgenau. Dvori fühlt sich in die Bilder ein, als wäre er selbst Teil der Geschichte. Das ist besonders erstaunlich in Sequenzen, die einen längeren Erzählstrang abbilden und nicht dazu geeignet sind, etwa besonders dramatische, melancholische, fröhliche, also überhaupt expressiv emotionale Musik zu spielen. Dvori gelingt es sogar in solchen Bildabfolgen, Spannung aufzubauen und Spannung zu erhalten, die die Bilder allein vielleicht gar nicht hergeben würden.

          Die Comics, die Dvori so liebevoll, mal ernst, mal humorvoll umspielt, sind indes sehr abwechslungsreich. Das reicht von einer knallbunten graphischen Poesie von Merav Salomon über großflächig geordnete Figuren von Asaf Hanuka, die vom Alltag in Israel erzählen, bis zu ergreifenden, oft in Blautönen gemalten Bildern zur Emigrationsgeschichte einer jüdischen Familie von Barbara Yelin. Herausragend sind die schwarzweißen Zeichnungen von Michel Kichka, dessen Epilog zu seinem Buch über die zweite Generation des Holocausts Selbstzweifel des Künstlers veranschaulichen und von Dvori sehr emphatisch vertont werden. Der beeindruckenden Comic-Reportage von Jens Harder, die von der Geschichte Israels und Jerusalems erzählt, verleiht der Komponist facettenreiche Klangtöne, die den Detailreichtum der Bilder einfangen und eine Sehnsucht nach Ferne hervorrufen. Wie kommt man auf so kreative Ideen?

          Comics ähneln der Synästhesie

          In Comics erhält eine graphische Gestalt, was in der physikalischen Realität nicht zu sehen ist. Dinge, die die Sinnesorgane sonst voneinander trennen – Bewegungen, Geräusche, Sprache, Töne, Gerüche –, überlappen sich hier, lösen sich mitunter gegenseitig aus. Was wir sonst nur hören oder riechen können, bekommt eine Textur, eine Farbe, eine räumliche Form. In dieser Hinsicht ähneln Comics dem Phänomen der Synästhesie. Itay Dvori ist Synästhetiker. Schon als Kind hätten ihn Comics begeistert, erzählt er im Gespräch. „Die Bilder erzeugen in mir Klänge“, sagt er und erzählt von den Farben, die er sieht, wenn er Musik hört.

          Sein kompositorisches Arrangement setzt alle Gesetze des Smartphone-Zeitalters außer Kraft. Wer sich nicht ausschließlich auf die Comic-Bilder, die Sprechblasen und die Musik konzentriert, verliert den roten Faden der Geschichte und versteht sie nicht mehr. „Es ist wichtig, dass etwas von der Welt von gestern bleibt und nicht alles in Monster umgewandelt wird“, sagt Dvori im Konzert. Geradezu heilsam ist, dass das ohne Widerstand gelingt. Niemand schaut an diesem Abend auf sein Handy.

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