https://www.faz.net/-gqz-901ls

Comic-Ausstellung in Bonn : Viele Bilder, doch kaum Geschichten

Mit Ausrufezeichen: Die große Comic-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn zeigt viele hinreißende Originale. Doch über Mängel ihrer Konzeption kann das nicht hinwegtäuschen.

          Comics gibt es selbst bei konservativer Auslegung des Begriffs seit mehr als 120 Jahren. Ihre Zahl geht dementsprechend in die Millionen. Wer da noch eine Gesamtausstellung zum Thema wagt, braucht gute Gründe. Etwa Entdeckungen oder Akzentverschiebungen. Ein Beispiel: Wer etwa wissen will, wie nahe Comic und Karikatur sich kommen können, der muss sich „Pogo“ von Walt Kelly ansehen. Ein Vierteljahrhundert lang, von 1948 bis zu seinem Tod 1973, ließ der amerikanische Zeichner in einem Südstaaten-Sumpf die dortige Fauna das politische Geschehen kommentieren, immer wieder und vor allem immer mehr, je unerfreulicher und damit interessanter die amerikanische Politik in jenen Jahren wurde: über den Kalten Krieg und Vietnam bis zu Nixon.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dabei ließ Kelly auch etliche zu Tieren mutierte Prominenz auftreten, die nicht beim Namen genannt, aber durch die zeichnerische Meisterschaft unverkennbar war. So etwa am 9. Mai 1962 den sowjetischen Parteichef Chruschtschow und den kubanischen Präsidenten Castro. Es war das Jahr, in dem der Kalte Krieg so heiß wurde wie nie zuvor und nie mehr danach, das Jahr der Kuba-Krise, und ein Schwein im Frack (Chruschtschow) und ein uniformierter Ziegenbock (Castro) wollen den Sumpf, vulgo die Vereinigten Staaten, in Unordnung bringen. Als die beiden Herren ihre verschwörerischen Aktivitäten für ein Mittagessen unterbrechen wollen, hat Castro nur Zigarren mitgebracht: „In my country these is lunch!“, posaunt er hinaus: „These one things we got!“ Was für ein glückliches Volk!

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Was hier klingt (gerade im verspotteten spanischen Akzent) wie ein Kalter-Krieg-Cartoon ist erst einmal unglaublich gezeichnet. Kelly hätte tatsächlich auch als Karikaturist reüssieren können, aber er wollte seiner Leidenschaft für Comics nachgehen, zumal er im Kontext seiner Sumpftierwelt Darstellungen wagen konnte, die auf dem normalen Karikaturenplatz in Zeitungen nie möglich gewesen wären. Und Kelly teilte nach allen Seiten aus: Wie er den FBI-Chef J. Edgar Hoover durch den Sumpf zog, das wagte niemand sonst. Kellys „Pogo“ stellt nicht nur einen Sonderfall in der Comicgeschichte dar, sondern in der ganzen Pressegeschichte.

          Sein Comic-Strip vom 9. Mai 1962 ist deshalb zu Recht Teil einer riesigen Ausstellung, die nicht nur die bislang größte ihrer Art in Deutschland ist, sondern eben auch den Anspruch erhebt, die ganze Geschichte des Comics abzubilden. Dafür wird das gesamte Obergeschoss der Bundeskunsthalle in Bonn benutzt: riesige Räume, an denen aber vor allem rundum an den Wänden Comic-Originalzeichnungen hängen. Die sind selten so groß wie im Falle von Hal Foster, Philippe Druillet oder Chris Ware, also sieht alles wenig spektakulär aus. Auf den immensen Flächen dazwischen stehen ein paar Vitrinen mit Fotos, Heften, Krimskrams und in der Abteilung zum Underground-Comic der sechziger und siebziger Jahre ein echter VW-Bus in Hippie-Bemalung. Er erfüllt keine Funktion, außer dekorativ zu sein.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Und das ist das grundlegende Problem dieser Schau: Man kann sich an einzelnen Arbeiten kaum sattsehen (immer wieder Winsor McCay, Maurice Tillieux, der so gut wie nie zu sehende Osamu Tezuka), aber man lernt sehr wenig und versteht noch weniger. Ja, hinreißende Zeichnungen sind da genug versammelt, aber das gelingt jeder auch nur einigermaßen kuratierten Comic-Ausstellung. Diverses Material aus Bonn hat man kürzlich erst in der Frankfurter Schirn gesehen, wo einer der beiden Bonner Kuratoren, Alexander Braun, seine mustergültige Ausstellung zum klassischen amerikanischen Comic-Strip auf eine Weise inszeniert hatte, die im Gedächtnis bleiben wird. Wo ist das dabei demonstrierte Verständnis nun geblieben? Dabei stand Braun mit Andreas C. Knigge ein weiterer der besten deutschen Comic-Kenner als Co-Kurator zur Seite. Mehrere von Knigges Bücher sind enzyklopädisch angelegt. Keines ist so wenig überraschend wie die Bonner Ausstellung.

          „Comics! Mangas! Graphic Novels!“ heißt sie. Die Ausrufezeichen sollen comictypisch sein (siehe auch Kellys Castro-Sprechblasentext), doch sie klingen vor allem großsprecherisch. Und der Titel verschweigt, dass Manga und Graphic Novels jeweils Comics sind. Man setzt auf Popularität statt auf Information. Dass „Graphic Novel“ ein reiner Marketingbegriff ist, kein Wort dazu in der Ausstellung.

          Das muss man in den hervorragenden Katalogheften nachlesen, die Braun, Knigge und als Gastautorin die Manga-Expertin Jaqueline Berndt verfasst haben: jeweils eines zu den sechs Kapiteln der Schau, also zu Zeitungscomics, amerikanischen Heften, europäischen Comics, japanischen Manga, den bereits erwähnten Publikationen aus dem alternativen Milieu und schließlich zu Graphic Novels. In den Heften ist alles richtig gemacht, was die Schau versäumt, ja selbst die auffällig zahlreichen Fehler bei den Beschilderungen (falsche Jahreszahlen, fehlende Todesdaten, falsche Hefttitel) sind in den Begleitheften alle vermieden. Konnte man nicht einfach diese Angaben übernehmen?

          Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier rasch eine Schau für die Sommermonate zusammengeschustert wurde, die auf regen Ferienbesuch setzt. Der derzeitige Augenschein belegt das Gegenteil. Wer nicht schon viel über Comics weiß, wird von den dreihundert ausgestellten Originalwerken von mehr als zweihundert Zeichnern nichts haben außer immer neuen Aha-Erlebnissen, die aber nie in ein Ach-so-Erlebnis umschlagen. Denn erklärt wird hier sehr wenig, und für die erzielten Evidenzerfahrungen reichte auch die Lektüre der jeweiligen Comics. Es sei denn, man bekommt Werke vorgestellt, die schwer als Nachdrucke zu finden sind wie etwa „Pogo“, oder solche Entdeckungen wie Gus Dirks, Walter McDougall und William F. Marriner, die Alexander Braun der Vergessenheit entrissen hat. Aber dann ist jeweils ein Beispiel ihrer Kunst entschieden zu wenig. Zumal es an sämtlichen Ausstellungswänden der Säle lediglich zwei komplette Geschichten gibt, ansonsten nur Einzelseiten ohne jeden Kontext.

          Didaktisch ist das ein Debakel, ausstellungsästhetisch sowieso. Man kaufe also die sechs Kataloghefte, darin ist bis auf wenige Ausnahmen der Gesamtbestand an Originalen aus der Schau versammelt, und dann lese man auf eigene Faust weiter. Es gibt Kunstformen, die nicht für Ausstellungen gemacht sind; Comics gehören wie Literatur dazu. Will man sie partout ausstellen, muss man sich etwas anderes einfallen lassen als Aneinanderreihung.

          Weitere Themen

          Alle Formen des Kinos Video-Seite öffnen

          Fazit zur Berlinale 2019 : Alle Formen des Kinos

          Es war eine der kürzesten Berlinalen mit nur 16 Filmen im Rennen um die Bären, aber dafür wurden alle Formen des Kinos gezeigt. Unsere Kritikerin zieht ein Resüme nach dem Berliner Festival und ist von einem Film besonders begeistert.

          Zwei Farben Picasso

          Ausstellung im Beyeler : Zwei Farben Picasso

          So war seine Kunst noch nie zuvor zu sehen: Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt die Blaue und die Rosa Periode des Jahrhundertkünstlers in einmaliger Verdichtung.

          Topmeldungen

          Geht es Arbeitnehmern wirklich so schlecht?

          Ausgebeutete Arbeitnehmer? : Der Markt ist klüger als die SPD

          Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor. So manchen Arbeitgeber treiben sie gar zur Verzweiflung. Nur: Wer sagt das jetzt den Sozialdemokraten? Die sprechen weiter von Gerechtigkeitslücken, die geschlossen werden müssen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.