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Christian Borchert in Hannover : Distanz schafft Deutlichkeit

Ein seltsames Moment von Schwermut liegt über fast allem: "Familie S.", wie Christian Borchert sie 1985 sah Bild: Christian Borchert/SLUB Dresden

Die eigentümliche Stille der DDR: In Hannover zeigen Christian Borcherts Fotografien, wie jemand an der Welt verzweifelt.

          4 Min.

          Der Fotograf Christian Borchert war ein Sammler. Und Ordner. Und er hätte wohl nichts dagegen gehabt, auch Archivar genannt zu werden. Denn vielleicht mehr Zeit noch als aufs Fotografieren verwendete er auf das Sortieren seiner Arbeiten, am Ende gut zweihunderttausend Negative, deren Kontaktabzüge er nach einem akribisch angelegten System abgelegt, immer wieder neu betrachtet und bisweilen auch neu verschlagwortet hat, wobei es ihm viel weniger um das Wiederauffinden alter Aufnahmen zu gehen schien als um die unentwegte Neubeschäftigung mit ihnen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Das Anschauen dieser Bilder, dazu etwa zwanzigtausend Arbeitsabzüge und mehr als viertausend in Ausstellungsqualität, wurde für ihn über den Umweg der Selbstreflexion zu seiner Art der Weiterbildung, auch Urteilsbildung. Immer wieder nahm er Bilder heraus aus dem, was er als ein Werk von Bestand bezeichnet hätte, und fügte andere hinzu – wobei er die Idealzahl von einundfünfzig Bildern anstrebte.

          Kaum mehr als ein Summen

          Aber nie stürzte ihn diese Arbeit ins Chaos. Penibel sortiert stehen auf einer Fotografie seines Arbeitszimmers Karteikästchen, Fotoschachteln und Alben auf Tischen und im wandfüllenden Regal. Als Christian Borchert im Sommer 2000 überraschend beim Baden in einem See ums Leben kam, war für seine Nachlassverwalter die meiste Arbeit schon getan.

          Das Werk wurde verteilt auf ein halbes Dutzend Institutionen, darunter die Berlinische Galerie sowie in Dresden die Deutsche Fotothek und das Kupferstich-Kabinett, das neunhundert Abzüge erwarb, nachdem es dem Fotografen schon zu Lebzeiten umfangreiche Konvolute abgekauft hatte. Dennoch dauerte es fast zwanzig Jahre, bis aus all dem Material eine umfassende, vielen Aspekten gerecht werdende Ausstellung wurde – begleitet von einem kiloschweren Katalog mit knapp fünfhundert Seiten, wie es ihn womöglich nie zuvor für einen Fotografen gegeben hat. Nach der Premiere in Dresden ist die Schau jetzt in Hannover zu sehen. Sie müsste einem Kanonenschlag gleichen, aber sie verbreitet kaum mehr als ein Summen.

          Dokumentiertes Grauen

          Es ist eine stille Ausstellung. Mit stillen Bildern. Gut hundert insgesamt, neun verschiedenen Themen gewidmet. Von Künstlerporträts und Familienbildnissen über Architektur und Straßenfotografie bis zu fast schon surrealen Nachtaufnahmen aus den frühen Neunzigern, denen man anzusehen glaubt, dass hier jemand an der Welt verzweifelt. Ein seltsames Moment von Schwermut liegt über fast allen. Und ausschließlich sind es Motive, die sich nicht aufdrängen, kaum einbrennen in die Erinnerung und die einen dennoch nicht in Ruhe lassen.

          Viele fotografiert aus einer doppelten Distanz: räumlich und emotional. Gegen Robert Capas Aperçu, dass man für ein gutes Bild nur nah genug ans Motiv herangehen müsse, hätte Christian Borchert wohl heftigst protestiert. „Distanz ermöglicht Deutlichkeit“, hat er bei Gelegenheit notiert. Und wie, um diese Vorstellung nachdrücklich zu untermauern, ziert eine Zeile der Dichterin Elke Erb, mit der Borchert zwei Jahre lang ein Paar bildete, eine der Wände im Sprengel-Museum: „Unübersehbar ist die Spur als Zeichen, denn sie ist so gering und in solcher Ferne, dass die Idee in der Vorstellung eine Weite erhält.“

          Elbfront „Ballhaus Watzke" in Pieschen von 1991 aus der Ausstellung „Christian Borchert – Tektonik der Erinnerung“, im Sprengel-Museum, Hannover. Bilderstrecke

          Wie bei ihr der Kommentar der eigenen Dichtung zu deren Teil geworden ist, so legt auch Borchert Fragen mit ins Bild, statt Antworten zu geben. Gleich das erste Foto, eines der ältesten der Ausstellung, provoziert Gedanken über das Medium und seine Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit, das Grauen zu dokumentieren und zu fassen. Zugleich steht es stellvertretend für Borcherts Anspruch, Bilder aufzunehmen, in denen historische Realität und individuelle Erfahrung zur Deckung kommen. In einer verwegenen Komposition zeigt es hinter einer breiten, leeren Straße den Neumarkt in Dresden mit Resten der Frauenkirche über gewaltigen Bergen von Schutt, das alles eingestäubt von Schnee und gerade so entrückt und unscharf, dass man die Ruine betrachten kann, ohne Schmerz empfinden zu müssen. Borchert war dreizehn, als er das Bild aufgenommen hat.

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