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China : Gebt uns unsere Kunst zurück!

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Die zeitgenössische Kunst wird in China zur Machtfrage. Funktionäre, Intellektuelle und die private Minsheng-Bank wollen dem Westen die Deutungshoheit entreißen. Denn sie fühlen sich missverstanden und missbraucht.

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          Wird die zeitgenössische Kunst Chinas vom Westen manipuliert? In offiziellen, aber auch in einigen intellektuellen Kreisen der Volksrepublik wächst der Argwohn, die tonangebenden Sammler und Kuratoren aus Europa und Amerika hätten die Kunst, die nach 1979 in China entstanden ist, in ihr eigenes Schema gepresst. „Je mehr das westliche Kapital die zeitgenössische chinesische Kunst pusht“, sagte Xu Qinsong, der stellvertretende Vorsitzende des nationalen Künstlerverbands, auf der letzten Sitzung der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes, „desto mehr kann es die Trends der einheimischen Kunst bestimmen.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Ruf danach wird lauter, die Kunst der Nation zurückzugeben und sie im Rahmen einer chinesischen Theorie, die Philosophie ebenso wie Kunstgeschichte umfasst, neu zu sichten. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Minsheng-Bank, Chinas erste und erfolgreichste Privatbank. Deren Entscheidung, als erstes chinesisches Finanzinstitut im großen Stil in zeitgenössische Kunst zu investieren, ist nicht nur den Sponsoring- und Marketingstrategien ihrer europäischen Konkurrenz, der Deutschen Bank oder der UBS-Bank, abgeschaut. Mit ihrem gerade eröffneten Museum in Schanghai, einem Forschungszentrum in Peking und der geplanten Ausschreibung eines Preises für zeitgenössische Kunst will die Bank ausdrücklich eine Revision der Kunst aus chinesischer Perspektive befördern. Auch beim Buddhismus, schreibt der Kunsttheoretiker Gao Minglu in seinem Beitrag zur Eröffnungsausstellung, habe es einige Zeit gedauert, bis China seine eigenen Interpretationen und Schulen wie den Chan (Zen) entwickelte; mit dem West-Import der zeitgenössischen Kunst werde es sich ähnlich verhalten.

          Vertraut und exotisch zugleich

          Der geschäftsführende Direktor des Minsheng-Museums ist ein gedrungener Mann Mitte vierzig mit pechschwarzem Haar. Zhou Tiehai ist selbst Künstler, allerdings einer, der im Sinne seines Vorbilds Duchamp nicht eigenhändig malt oder ähnlich handwerkliche Verrichtungen vornimmt, sondern den Kunstbetrieb mit quasi industriellen Mitteln zum Thema seiner Kunst macht. In den neunziger Jahren entdeckte er, wie die zeitgenössische Kunst in China funktionierte: Man nahm Gemälde im westlichen Stil und versah sie mit chinesischen Signalelementen (Mao, kulturrevolutionäre Propaganda und so weiter), damit sie für ein internationales Publikum vertraut und exotisch zugleich wirkten. Als Reaktion ließ er von den Angestellten seiner Werkstatt Nachbildungen berühmter europäischer Gemälde anfertigen, in die er das Kamel aus der Camel-Werbung plazierte, dem er dann auch noch eine Sonnenbrille verpasste. Die Antistrategie gelang und machte ihn berühmt und reich. Jetzt geht zum ersten Mal der Anflug eines Lächelns über sein Gesicht, als im Café des Minsheng-Museums die Frage im Raum steht, ob er das Museum auf ähnlich ironische und spielerische Weise zu betreiben gedenke wie seine Kunst. Nein, nein, sagt er, die Kunst mache er für sich, im Museum aber wolle er der Gesellschaft dienen, das seien zwei verschiedene Dinge.

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