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Charlotte Perriand in Paris : Ansage an die kommende Moderne

Agentur der Air France in London, 1957 von Charlotte Perriand. Bild: Adagp, Paris 2019/Gaston Karquel/AChP

Charlotte Perriand war kein Geschöpf aus dem Geiste von Le Corbusier. Sie ist eine Pionierin unserer Alltagswelt – das zeigt eine Schau in Paris.

          6 Min.

          Auf einer Fotografie aus dem Jahr 1928 ist die lachende Charlotte Perriand zu sehen – mit einem Halo. Es ist ein flacher Teller, den eine Hand aus dem Off hinter ihren Kopf hält. Die Hand gehört dem damals schon berühmten Architekten Le Corbusier, fotografiert hat sein Kompagnon Pierre Jeanneret. Ob die beiden Herren bereits wussten, was sie an der jungen Kollegin haben, die kurz zuvor in ihr Atelier gekommen war? Es lässt sich vermuten. Auch wenn Charlotte Perriands frühe, in unser aller ästhetisches Möbelbewusstsein eingegangene Entwürfe bis heute gern unter „LC-Möbel“, also „Le Corbusier“, laufen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Fondation Louis Vuitton in Paris hat der Entwerferin und Architektin eine umfassende Retrospektive ausgerichtet, über alle Etagen des von außen wahrlich imposanten Frank-Gehry-Baus am Rand des Bois de Boulogne. Im Innern des Hauses tut sich da freilich ein kurioser Widerspruch auf. Denn so verwinkelt, so verschachtelt, wie es dort zugeht im Dienst an der spektakulären Hülle, hätte Perriand es genau nicht gewollt. Anlass für die Schau unter dem Titel „Le monde nouveau de Charlotte Perriand. 1903–1999“ ist der zwanzigste Todestag von ihr, die als die eigentliche Anführerin eines neuen „art de vivre“ gilt, gedacht für den „neuen Menschen“.

          Charlotte Perriand 1929 liegend in der „Chaise longue basculante“.

          Ihr eigenes Atelier hatte Perriand, gerade 24 Jahre alt, seit 1927 an der Place Saint-Sulpice auf der Rive gauche. Dort verabschiedete sie, die Innenausstattung studiert hatte, sich vom Art déco mit der Einrichtung einer „Bar sous le toit“. Die Dachbar ließ offenbar den selbstherrlichen Meister der Moderne nicht unbeeindruckt. Jedenfalls übertrug Le Corbusier ihr für sein Architekturbüro in der Rue de Sèvres die Entwürfe und die Produktion von Möbeln. Zu denen zählt ein praktischer „Table extensible“, vor allem aber der „Fauteuil pivotant“, jener kühne Freischwinger aus Metall und Leder, der in seinen Varianten Geschichte schreiben sollte. Als die Firma Thonet Anfang der dreißiger Jahre mit dem Stuhl in Serie ging, firmierte er dennoch unter Jeanneret, Le Corbusier und Perriand, obwohl von Zusammenarbeit nicht wirklich die Rede sein konnte – und obwohl er bereits zuvor, unter ihrem Namen allein, 1928 auf dem „Salon des artistes décorateurs“ in Paris gezeigt worden war.

          Nein, Charlotte Perriand war kein Geschöpf aus dem Geiste Le Corbusiers, sie war in ihrer eigenen Liga unterwegs. Noch im selben Jahr entwirft sie den „Fauteuil grand confort“ (bis heute als LC2 und LC3 unterwegs) – Urmodell eben jener notorisch geräumigen Sessel und Sofas aus Leder, in kantige Stahlrohre gefasst. Und auch der Prototyp der „Chaise longue basculante B 306“ (LC4), zunächst aus Stahl, Gummi und Stoff, geht auf ihr Konto; ihre Karriere sollte später unaufhaltsam werden. Die Inspiration durch den bughölzernen Thonet-Schaukelstuhl vom Ende des 19. Jahrhunderts ist unverkennbar – noch weniger zu übersehen ist allerdings die bahnbrechende Transformation, der sie diesen unterzieht. In ihrer Liege lässt sich Charlotte Perriand – eine Frau, lässig die Beine hochgelagert – 1929 sofort selbstbewusst fotografieren.

          „Salle de reception“, 1955 von Charlotte Perriand.

          Überhaupt hat sie früh erkannt, wie sie die Fotografie zu ihrer Verbündeten machen kann. Schon im Jahr 1928 ist Perriand auf einem Foto in ihrem Atelier zu sehen, mit dem „Collier roulement à billes“ um den Hals, aus dicken verchromten Metallkugeln. Wie nebenbei ist das Schmuckstück, ihrem innovativen Temperament entsprechend, ein kleines Fanal: Ansage an die kommende Moderne, Absage an die ausgedienten halsabschnürenden Perlencolliers der Frauen. Zwei Jahre später reckt sie auf einem Foto die muskulösen Arme über ihrem nackten Rücken in die Höhe, um den Hals die kugelige Kette, mit Blick auf die mächtige Kulisse verschneiter Berge. Sie weiß sich zu inszenieren, und vielleicht weiß sie schon, dass sie eine Siegerin sein wird. Inzwischen wurde sie von der einschlägigen Fachpresse zunehmend wahrgenommen und als Avantgardistin gefeiert.

          Das Foto vor der erhabenen Bergkulisse hat die ambitionierte Schau zum Leitmotiv gewählt, um die Gestalterin als Visionärin zu präsentieren, in einem gesamtkunstwerkhaften Lebensentwurf. Während immerhin berühmte Prototypen von ihr im Originalzustand erhalten sind, gingen die originalen Einrichtungen unter. An deren Stelle treten aufwendige Rekonstruktionen und Nachbauten ganzer Interieurs, neben großformatigen Fotografien zur Dokumentation an den Wänden. Als komplette Rekonstruktion besichtigen lässt sich zum Bespiel „Un équipement intérieur d’une habitation“, das 1929, gemeinsam mit Le Corbusier und Jeanneret, auf dem „Salon d’automne“ in Paris ausgestellt war. Die Kühle dieser Wohnung zeigt die junge Designerin, die ganz auf die Avantgarde setzt, einer maschinisierten metallischen Welt zugetan und vom Gedanken der seriellen Produktion eingenommen.

          Haptische Schönheiten, Wärme ausstrahlend

          Schnell erkennt Charlotte Perriand intuitiv, dass ohne die Anwesenheit von organischen Formen ein Defizit entsteht. Ohnehin fühlt sie sich der Natur verbunden, für sie empfänglich; einen Teil ihrer Kindheit hat sie bei den Großeltern in Savoyen verbracht. Sie integriert Fundstücke vom Strand in die von ihr konzipierten Räume, vom Wasser geschliffenes Treibholz oder blankgewaschene Steine. Aus massiven rohen Holzscheiben werden niedrige Tische und Hocker – haptische Schönheiten, Wärme ausstrahlend.

          Ausstellungsansicht „Charlotte Perriand: Inventing A New World“ in der Fondation Louis Vuitton in Paris.

          Vom Anfang ihrer Karriere an verfolgt Perriand das Ziel, lebenswerte Räume für die Menschen zu schaffen, in kleinen Einheiten, die nach ihren ästhetischen Maßstäben eingerichtet sein sollten. Das wird, bis ins Detail, erkennbar in den „Formes utiles“ für die Gestaltung einfacher Alltagsgegenstände, Essgeschirr, Töpfe, Körbe. Bereits Ende der zwanziger Jahre entworfen, werden die nützlichen Formen aber erstmals 1949/50 von Le Corbusier, Jeanneret und Perriand im Musée des Arts Décoratifs in Paris ausgestellt. Auch politisch drückt sich Perriands soziales Engagement aus, bringt sie für einige Jahre in die Nähe der französischen Kommunistischen Partei. Sie entwirft 1938 eine monumentale agitatorische Panorama-Collage, in der sie „La Grande Misère de Paris“ geißelt; wegen des Hitler-Stalin-Pakts verlässt sie 1939 die KP aber wieder.

          Nach der Befreiung Frankreichs von den Nationalsozialisten nimmt sie aktiv am Wiederaufbau des Landes teil. Dort findet sie sich gemeinsam mit anderen Frauen auf dem Königsweg der Emanzipation, wie ein charmantes Dokument in der Ausstellung belegt: Im Oktober 1950 veröffentlicht die französische Zeitschrift „Elle“ die Fotomontage eines ausschließlich mit Frauen besetzten Kabinetts; erst sechs Jahre zuvor, 1944, hatten die Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhalten. Charlotte Perriand ist da als Ministerin für Wiederaufbau vorgesehen. Für die Cité Universitaire Internationale de Paris entwirft sie 1952 Einrichtungen von Studentenzimmern der „Maison de la Tunisie“ und der „Maison du Mexique“; auch sie wurden für die Ausstellung nachgebaut. Perriands bunt angestrichene Raumteilerregale, nach zwei Seiten hin offen, sind bis heute uneingeholt gutes Design – wie ihre gleichzeitig entstandenen, scheinbar an der Wand schwebenden „Nuage“-Bücherregale.

          Ausstellungsansicht „Charlotte Perriand: Inventing A New World“ in der Fondation Louis Vuitton in Paris.

          Viel Ausstellungsfläche widmet die Schau Perriands Aufenthalt in Japan von 1940 bis 1946. Von dort nimmt sie wesentliche Eindrücke mit zurück nach Frankreich. Sie schöpft aus der Tradition des Wohnens dort; umgekehrt beeinflusst sie die japanische Avantgarde. Sie baut jetzt Freischwinger und eine Liege aus Bambus, verwandelt sie formal ihren früheren Entwürfen an. Als ein paar Jahre später in Tokio die Ausstellung „Proposal for a Synthesis of the Arts, Paris 1955. Le Corbusier, Fernand Léger, Charlotte Perriand“ stattfindet, ist sie federführend. Zugleich wird sie gewusst haben, was sie ihrerseits Le Corbusier schuldet; den Gedanken einer Synthese der Künste, einer Vereinigung mit der bildenden Kunst in geschmeidigen Arrangements für das alltägliche Wohnen hatte nicht allein sie verfolgt. Schon früh aber hatte sie die künstlerische Avantgarde zur Kooperation motiviert, allen voran Fernand Léger, mit dem sie seit 1930 befreundet war, auch Pierre Soulages oder Hans Hartung; selbst Picasso ließ sich in ihren Gestaltungswillen einbinden. Trotz der vielen gezeigten Kunstwerke bleibt diese Verbindung in der Ausstellung eher Behauptung, vielleicht unvermeidlich, weil die authentische Atmosphäre der Räume nicht wiederherstellbar ist.

          Ideen des Seriellen

          Einen späteren Höhepunkt findet Charlotte Perriands Karriere in der Konzeption der „Arcs Resort“ in Savoyen, das sie vom Ende der sechziger Jahre an, nun selbst als Architektin, mitverantwortet. Ein großflächiges Modell macht sichtbar, wie, zwar in flacher Terrassenform eingegliedert, doch brachial die gigantische Ferienwohnanlage in den hohen Alpen sich ausbreitet. Die Ideen des Seriellen wie des minimalen Raums sind geblieben, jetzt realisiert in standardmäßig produzierten Bad-und-Küche-Kabinen, gefertigt aus Polyester. Auch Exemplare dieser Einheiten sind ausgestellt, sie muten heute klaustrophobisch an, sind Relikte, in denen überholter Zeitgeist kondensiert ist.

          Doch danach fand Charlotte Perriand noch einmal zur Gestaltungsanmut zurück: Ganz oben im Gehry-Bau ist jene „Maison de thé“ – einschließlich der hohen Bambuspflanzen – reinszeniert, die sie 1993 für das Hauptquartier der Unesco in Paris geschaffen hatte, als einen bloß temporären Ort der Ruhe und Meditation. Und draußen, wo die Wasserkaskade das Gebäude umspült, ist die vier Jahrzehnte früher entworfene, jedoch zu ihren Lebzeiten nicht realisierte „Maison au bord de l’eau“ aufgebaut, begehbar für die Besucher, Utopie der Versöhnung von purem Design und Natur.

          Dass vor allem ihre frühen Entwürfe – in den teuren limitierten Nachbauten – längst zu begehrten Versatzstücken luxuriös bourgeoiser Wohnkultur geworden sind, hat Perriand noch erlebt, und sie hat selbst immer wieder großzügige Interieurs in privatem und institutionellem Auftrag gestaltet. In deren zeitloser Eleganz spiegelt sich ihr phänomenales Talent über bald ein Jahrhundert hinweg. In der Einführung zum ausgezeichneten Katalogbuch nennt Suzanne Pagé, die künstlerische Leiterin der Stiftung Louis Vuitton, Charlotte Perriand mit einem sehr schönen Wort eine „Schöpferin“; damit ist ihr Geist umfasst. Sie ist eine Pionierin unserer Alltagswelt, für die sie Durchlässigkeit in allen Sinnen schafft, fluide Möglichkeitsräume eröffnet. Das gilt für die Bewegung der Körper so gut wie für eine Freiheit des Denkens und Fühlens.

          „Le monde nouveau de Charlotte Perriand. 1903–1999“. In der Fondation Louis Vuitton, Paris; bis zum 24. Februar 2020. Das ausgezeichnete Katalogbuch, das umfassend informiert (auf Französisch oder Englisch), kostet 49 Euro.

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