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Charlotte Perriand in Paris : Ansage an die kommende Moderne

Ausstellungsansicht „Charlotte Perriand: Inventing A New World“ in der Fondation Louis Vuitton in Paris.

Viel Ausstellungsfläche widmet die Schau Perriands Aufenthalt in Japan von 1940 bis 1946. Von dort nimmt sie wesentliche Eindrücke mit zurück nach Frankreich. Sie schöpft aus der Tradition des Wohnens dort; umgekehrt beeinflusst sie die japanische Avantgarde. Sie baut jetzt Freischwinger und eine Liege aus Bambus, verwandelt sie formal ihren früheren Entwürfen an. Als ein paar Jahre später in Tokio die Ausstellung „Proposal for a Synthesis of the Arts, Paris 1955. Le Corbusier, Fernand Léger, Charlotte Perriand“ stattfindet, ist sie federführend. Zugleich wird sie gewusst haben, was sie ihrerseits Le Corbusier schuldet; den Gedanken einer Synthese der Künste, einer Vereinigung mit der bildenden Kunst in geschmeidigen Arrangements für das alltägliche Wohnen hatte nicht allein sie verfolgt. Schon früh aber hatte sie die künstlerische Avantgarde zur Kooperation motiviert, allen voran Fernand Léger, mit dem sie seit 1930 befreundet war, auch Pierre Soulages oder Hans Hartung; selbst Picasso ließ sich in ihren Gestaltungswillen einbinden. Trotz der vielen gezeigten Kunstwerke bleibt diese Verbindung in der Ausstellung eher Behauptung, vielleicht unvermeidlich, weil die authentische Atmosphäre der Räume nicht wiederherstellbar ist.

Ideen des Seriellen

Einen späteren Höhepunkt findet Charlotte Perriands Karriere in der Konzeption der „Arcs Resort“ in Savoyen, das sie vom Ende der sechziger Jahre an, nun selbst als Architektin, mitverantwortet. Ein großflächiges Modell macht sichtbar, wie, zwar in flacher Terrassenform eingegliedert, doch brachial die gigantische Ferienwohnanlage in den hohen Alpen sich ausbreitet. Die Ideen des Seriellen wie des minimalen Raums sind geblieben, jetzt realisiert in standardmäßig produzierten Bad-und-Küche-Kabinen, gefertigt aus Polyester. Auch Exemplare dieser Einheiten sind ausgestellt, sie muten heute klaustrophobisch an, sind Relikte, in denen überholter Zeitgeist kondensiert ist.

Doch danach fand Charlotte Perriand noch einmal zur Gestaltungsanmut zurück: Ganz oben im Gehry-Bau ist jene „Maison de thé“ – einschließlich der hohen Bambuspflanzen – reinszeniert, die sie 1993 für das Hauptquartier der Unesco in Paris geschaffen hatte, als einen bloß temporären Ort der Ruhe und Meditation. Und draußen, wo die Wasserkaskade das Gebäude umspült, ist die vier Jahrzehnte früher entworfene, jedoch zu ihren Lebzeiten nicht realisierte „Maison au bord de l’eau“ aufgebaut, begehbar für die Besucher, Utopie der Versöhnung von purem Design und Natur.

Dass vor allem ihre frühen Entwürfe – in den teuren limitierten Nachbauten – längst zu begehrten Versatzstücken luxuriös bourgeoiser Wohnkultur geworden sind, hat Perriand noch erlebt, und sie hat selbst immer wieder großzügige Interieurs in privatem und institutionellem Auftrag gestaltet. In deren zeitloser Eleganz spiegelt sich ihr phänomenales Talent über bald ein Jahrhundert hinweg. In der Einführung zum ausgezeichneten Katalogbuch nennt Suzanne Pagé, die künstlerische Leiterin der Stiftung Louis Vuitton, Charlotte Perriand mit einem sehr schönen Wort eine „Schöpferin“; damit ist ihr Geist umfasst. Sie ist eine Pionierin unserer Alltagswelt, für die sie Durchlässigkeit in allen Sinnen schafft, fluide Möglichkeitsräume eröffnet. Das gilt für die Bewegung der Körper so gut wie für eine Freiheit des Denkens und Fühlens.

„Le monde nouveau de Charlotte Perriand. 1903–1999“. In der Fondation Louis Vuitton, Paris; bis zum 24. Februar 2020. Das ausgezeichnete Katalogbuch, das umfassend informiert (auf Französisch oder Englisch), kostet 49 Euro.

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