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Charlotte Perriand in Paris : Ansage an die kommende Moderne

Das Foto vor der erhabenen Bergkulisse hat die ambitionierte Schau zum Leitmotiv gewählt, um die Gestalterin als Visionärin zu präsentieren, in einem gesamtkunstwerkhaften Lebensentwurf. Während immerhin berühmte Prototypen von ihr im Originalzustand erhalten sind, gingen die originalen Einrichtungen unter. An deren Stelle treten aufwendige Rekonstruktionen und Nachbauten ganzer Interieurs, neben großformatigen Fotografien zur Dokumentation an den Wänden. Als komplette Rekonstruktion besichtigen lässt sich zum Bespiel „Un équipement intérieur d’une habitation“, das 1929, gemeinsam mit Le Corbusier und Jeanneret, auf dem „Salon d’automne“ in Paris ausgestellt war. Die Kühle dieser Wohnung zeigt die junge Designerin, die ganz auf die Avantgarde setzt, einer maschinisierten metallischen Welt zugetan und vom Gedanken der seriellen Produktion eingenommen.

Haptische Schönheiten, Wärme ausstrahlend

Schnell erkennt Charlotte Perriand intuitiv, dass ohne die Anwesenheit von organischen Formen ein Defizit entsteht. Ohnehin fühlt sie sich der Natur verbunden, für sie empfänglich; einen Teil ihrer Kindheit hat sie bei den Großeltern in Savoyen verbracht. Sie integriert Fundstücke vom Strand in die von ihr konzipierten Räume, vom Wasser geschliffenes Treibholz oder blankgewaschene Steine. Aus massiven rohen Holzscheiben werden niedrige Tische und Hocker – haptische Schönheiten, Wärme ausstrahlend.

Ausstellungsansicht „Charlotte Perriand: Inventing A New World“ in der Fondation Louis Vuitton in Paris.

Vom Anfang ihrer Karriere an verfolgt Perriand das Ziel, lebenswerte Räume für die Menschen zu schaffen, in kleinen Einheiten, die nach ihren ästhetischen Maßstäben eingerichtet sein sollten. Das wird, bis ins Detail, erkennbar in den „Formes utiles“ für die Gestaltung einfacher Alltagsgegenstände, Essgeschirr, Töpfe, Körbe. Bereits Ende der zwanziger Jahre entworfen, werden die nützlichen Formen aber erstmals 1949/50 von Le Corbusier, Jeanneret und Perriand im Musée des Arts Décoratifs in Paris ausgestellt. Auch politisch drückt sich Perriands soziales Engagement aus, bringt sie für einige Jahre in die Nähe der französischen Kommunistischen Partei. Sie entwirft 1938 eine monumentale agitatorische Panorama-Collage, in der sie „La Grande Misère de Paris“ geißelt; wegen des Hitler-Stalin-Pakts verlässt sie 1939 die KP aber wieder.

Nach der Befreiung Frankreichs von den Nationalsozialisten nimmt sie aktiv am Wiederaufbau des Landes teil. Dort findet sie sich gemeinsam mit anderen Frauen auf dem Königsweg der Emanzipation, wie ein charmantes Dokument in der Ausstellung belegt: Im Oktober 1950 veröffentlicht die französische Zeitschrift „Elle“ die Fotomontage eines ausschließlich mit Frauen besetzten Kabinetts; erst sechs Jahre zuvor, 1944, hatten die Frauen in Frankreich das Wahlrecht erhalten. Charlotte Perriand ist da als Ministerin für Wiederaufbau vorgesehen. Für die Cité Universitaire Internationale de Paris entwirft sie 1952 Einrichtungen von Studentenzimmern der „Maison de la Tunisie“ und der „Maison du Mexique“; auch sie wurden für die Ausstellung nachgebaut. Perriands bunt angestrichene Raumteilerregale, nach zwei Seiten hin offen, sind bis heute uneingeholt gutes Design – wie ihre gleichzeitig entstandenen, scheinbar an der Wand schwebenden „Nuage“-Bücherregale.

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