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Russische Avantgarde in Wien : Da lachen die Kolchosbäuerinnen

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Nach diesem Einschub figurativer Malerei fällt der Übergang zu Chagall leicht. Der - lange Zeit kunsthistorisch gar nicht als Russe eingestufte - Künstler ist mit Hauptwerken wie „Der Geigenspieler“ und „Selbstporträt mit sieben Fingern“ aus dem Stedelijk Museum vertreten sowie mit dem bezaubernden Bild „Der Spaziergang“ aus dem Petersburger Russischen Museum, das den glücklichen Maler mit seiner wie ein Ballon an seiner Hand schwebenden Frau Bella zeigt. Was aber verbindet nun den Schöpfer dieser heiteren Traumwelten mit dem Erfinder des Schwarzen Quadrats, der ihm in der Albertina auf den Fuß folgt?

Vom Kollegen zum Konkurrenten

Sie kamen sich karrieretechnisch in die Quere: Der revolutionsbegeisterte Chagall wurde 1918 zum Kommissar der schönen Künste seiner weißrussischen Heimatregion Witebsk ernannt. In dieser Funktion gründete er ein Museum und eine Kunstschule, in die er neben El Lissitzky auch Malewitsch berief. Aber der geschätzte Kollege entpuppte sich alsbald als Chagalls schärfster Konkurrent. Malewitsch griff den als „naturalistisch“ verunglimpften Stil und die Unterrichtsmethoden des Schulleiters an und machte ihm die Studenten abspenstig. Bereits 1919 überließ Chagall seinem Widersacher das Feld und ging nach Moskau.

Die Schau zeigt Malewitschs „Rotes Quadrat“ von 1915 aus Sankt Petersburg; die schwarze Version aus demselben Jahr gehört der Moskauer Tretjakow-Galerie und ist nicht nach Wien gereist. In dem Saal, der mit zusätzlichen Werken der Künstlerinnen Ljubow Popowa und Olga Rosanowa viel zu dicht gehängt ist, kommt kein Gedanke an den „Nullpunkt der Malerei“ auf. Die Ausstellung gibt dem avantgardistischen Zweifel an der Kunstform keinen Raum. Ein Versagen, das auch der vollgestopfte Saal für die Konfrontation von Gemälden El Lissitzkys und Alexander Rodtschenkos mit den Kompositionen Wassily Kandinskys deutlich macht: Bevor man Rodtschenko ohne seine Fotografien und Collagen präsentiert - und ihn bloß als Maler geometrischer Tektonik um 1918 und von Clowns und Harlekinen von 1930 an zeigt -, hätte man ihn besser ganz ausgespart. Dass dazu im Ausstellungssaal dann auch noch ein Video mit Filmausschnitten zur russischen Revolution flimmert, wirkt wie eine hilflose Form historischer Kontextualisierung.

Schröders „Nur Malerei“-Konzept geht in der zweiten Ausstellungshälfte gar nicht mehr auf. Am klarsten wird das im Abschnitt „Agitprop“, wo die ausgewählten Plakatentwürfe und Hinterglasbilder wieder eine malerisch-kompositorische anstatt einer politischen Stoßrichtung vorspiegeln wollen. Selbst der finale Backlash unter Stalin wirkt in „Chagall bis Malewitsch“ nicht so hart, wie er in Wirklichkeit war. Da lachen die rotbackigen Bauernmädel und sinnieren die Kolchosenarbeiter in Wladimir Malagis’ „Man lauscht der Rede Stalins“ von 1933. Selbst Malewitsch scheint sich eines Besseren besonnen zu haben, wenn er seine Gattin 1933 im Stil eines Renaissanceporträts verewigt. Wer genau hinsieht, entdeckt jedoch den Protest en miniature: Als Signatur dient eine winziges schwarzes Quadrat.

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