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Cézanne in Paris : Betrunkene Apostel und mythische Äpfel

  • -Aktualisiert am

Auch der Maler im Anzug mitten in Arkadien: Paul Cézannes „Pastorale“ aus dem Jahr 1870 greift italienische Vorbilder wie Poussins Landschaften auf. Bild: RMN-Grand Palais (musée d'Orsay)

Kennt er das Land? Eine Ausstellung im Pariser Musée Marmottan Monet fragt, wie viel Italien in Cézannes Bildern steckt - und stellt seine Werke italienischen Meistern gegenüber.

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          Eine Bildungsreise nach Italien hat Paul Cézanne nie unternommen. Obwohl der Maler aus Aix-en-Provence mit Vorliebe Lukrez, Virgil und Ovid im lateinischen Original las, hat er sich nie weiter als bis nach Paris von der Heimat entfernt. Aber auch dort fühlte er sich trotz der Freundschaften mit Auguste Renoir oder Claude Monet, trotz der Nähe zu den eindringlich studierten Meisterwerken des Louvre nie wirklich wohl.

          Cézanne war ein schüchterner Mann mit tiefen Berührungsängsten, der allerdings auch hochemotional aufbrausen konnte – für die Pariser Salons also wenig geeignet. Vom klassizistisch geprägten und von Ingres als Vorbild beherrschten akademischen Mainstream blieb er mindestens bis in die neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, also bis über sein fünfzigstes Lebensjahr hinaus, völlig unverstanden. Cézanne schloss sich Anfang der siebziger Jahre in Paris der Gruppe der Impressionisten an und folgte zeitweilig dem nahen Freund Camille Pissarro nach Auvers-sur-Oise und dann nach Pontoise bei Paris.

          Aber von Anfang an geht er ganz eigene Wege, sodass sein Werk trotz romantisch-barocker, impressionistischer, schließlich klassischer Einflüsse keiner Strömung zugeordnet werden kann. Die zwei letzten Lebensjahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 1906 verbrachte Cézanne vornehmlich in der heimatlichen Provence.

          Cézanne liegt das Italienisch-latinische nahe

          Dass der italienische Einfluss im Werk Cézannes dennoch die Untersuchung durch eine Ausstellung wert ist und sein Werk erhellt, zeigt nun die Schau im Pariser Musée Marmottan-Monet „Cézanne und die Meister – Traum von Italien“. Der erste, weitaus umfangreichere Teil stellt einzelne seiner Werke den italienischen Meistern des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts gegenüber, die Cézanne in Museen oder durch druckgrafische Reproduktionen studieren konnte.

          Ein zweiter Abschnitt beleuchtet in einem Nachspiel, auf welche Weise wiederum Cézanne auf die italienischen Maler des Novecento, eine konservative Bewegung der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, gewirkt hat, die im Gegensatz zu Matisse, Picasso oder den Kubisten vor allem die klassische Seite seines Werkes aufnahmen.

          Selbst wenn sich Cézanne in seinen Malerei-Studien auch für die spanischen oder niederländischen Vorgänger interessiert, liegt ihm als Südfranzosen das Italienisch-latinische nicht nur geographisch, sondern auch historisch nahe. Aix-en-Provence war die erste römische Stadt auf gallischem Boden, sie gehörte zur Provincia Narbonensis, der am stärksten romanisierten Region außerhalb Italiens.

          Nicolas Poussin: Paysage avec Bacchus et Cérès (1625-1628)
          Nicolas Poussin: Paysage avec Bacchus et Cérès (1625-1628) : Bild: National Museums Liverpool

          Zweifellos stapfte Cézanne mit der Staffelei auf dem Rücken auch die alte Via Aurelia entlang, die von der italienischen Grenze bei Nizza kommend, an der Montagne Sainte-Victoire vorbei – er hat seinen emblematischen Hausberg in mehr als sechzig Gemälden zu erfassen versucht – quer durch Aix bis nach Arles führt. Cézanne liest Stendhals „Geschichte der Malerei in Italien“, vor allem aber besucht er das reich bestückte Musée Granet in Aix-en-Provence, das Musée des Beaux-Arts in Marseille und natürlich den Louvre in Paris.

          Er kopiert als Fingerübung auch die alten Meister. Nicolas Poussin, der lange Zeit in Rom gelebt hatte und im siebzehnten Jahrhundert ein antikisiertes Italien-Bild nach Frankreich brachte, gehört zu den großen Vorbildern Cézannes. Eine Gravur der „Arkadischen Hirten“ hing in seinem Atelier. Wenn im Ausstellungstitel vom „rêve d’Italie“ die Rede ist, dann wird mit „Traum“ ein Cézanne’sches Wort übernommen: Er träumt von Malerei als einer emotionalen Übersetzung der eindringlich betrachteten klassischen Meistergemälde in einen neuen malerischen Ausdruck. „Das war damals mein Traum von Malerei“, soll der schon alt gewordene Cézanne bei einem Besuch im Musée Granet auch gerufen haben, als er mit dem Malerfreund Émile Bernard am „Martyrium der heiligen Katharina“ aus dem Atelier des Barockmalers Mattia Preti vorbeigeht.

          Die Ausstellung benötigt genaues Hinsehen, nicht nur, um Cézanne vergleichend mit den Italienern zu betrachten, sondern auch, um die ausgestellten venezianischen, neapolitanischen oder römischen Maler – Jacopo Bassano, Luca Giordano oder Salvator Rosa – mit den Augen Cézannes zu erfassen: auf welche Weise er das Gesehene malerisch verarbeitet.

          Natürlich gibt es keine offensichtlichen Entsprechungen. Cézanne findet in diesen Gemälden vielmehr den Stoff, aus dem er plastische Äquivalenzen ziehen kann. Ihn interessieren der physische und emotionale Ausdruck, gleichzeitig der Aufbau der Figuren und das Modellieren durch Farbe. Eine „Kreuzabnahme“ von Jusepe de Ribera (spanischer Herkunft, aber in Neapel lebend) zeigt die Bestürzung über den Tod, das Leiden am Körper.

          Paul Cézanne: Nature morte, poire et pommes vertes (1873)
          Paul Cézanne: Nature morte, poire et pommes vertes (1873) : Bild: RMN-Grand Palais (musée de l'Ora

          Es ist eine faszinierend aufgebaute Szene mit sechs Figuren und phantastischen hell-dunklen Farbvolumen, in denen die Linie getilgt ist. Der junge Cézanne, dessen Pinsel im Frühwerk ein wenig grob und pastos ist, malt eine ganz säkulare, auf drei Figuren reduzierte „Leichenwaschung“, aber der Betrachter erkennt, welche Emotionen ihn in Riberas Gemälde betroffen haben und welche Lehre er aus dessen Anwendung der Farbe und der Volumen zieht.

          Bei Tintoretto begegnet Cézanne dem Ausdruck seiner eigenen inneren Aufgewühltheit. In einer „Beweinung Christi“ des venezianischen Malers beobachtet er die Art, wie ein Arm gehalten wird oder die Dynamik sich bewegender Figuren, und überführt sie in ein wieder ganz unreligiöses, kleines Gemälde das eine Mordszene erzählt („Le meurtre“, 1870). Aus einem erstaunlichen „Abendmahl“ von Tintoretto, mit einer konisch aufgebauten, völlig betrunkenen Apostelgruppe, zieht Cézanne eine ähnlich gebaute, orgiastische „Vorbereitung zum Bankett“, in der er die Idee der Auflösung übernimmt und – ganz modern – nicht mehr zwischen Figur, Objekt und umgebendem Raum unterscheidet.

          Nicolas Poussins klassische, arkadische Landschaften mit Figuren aus mythologischen Szenen oder sich tummelnden Putti zeigen, welche Stimmung selbstverständlicher Körperlichkeit im Zusammenspiel mit einem streng organisierten Bildaufbau den provenzalischen Maler etwa für seine Szenen mit Badenden gereizt hat. Im Gemälde „Pastorale“ fügen sich die Badenden unter seinem Pinsel wonnevoll und in ausgeglichenen Farbvolumen in die Landschaft, die gleichberechtigt mit den Figuren ist.

          Im letzten Teil der Ausstellung, mit einem Ausblick auf Cézannes Wirkung auf die italienischen Novecento-Maler (die zum Teil Mussolinis faschistisches Regime künstlerisch bedienten), werden die so unvermeidlichen wie unübertroffenen Apfel- und Birnen-Stillleben etwa mit Carlo Carrà zusammengeführt, vor allem aber mit Giorgio Morandi. Neben den Landschaften von Ottone Rosai oder Ardengo Soffici, die völlig epigonal bleiben, besteht mit Abstand nur Morandi an Cézannes Seite.

          Auf die übrigen Novecento-Kollegen hätte man durchaus verzichten können. Die letzte Wand mit zwei Morandi-Stillleben, die eine Apfel-Birnen-Konstellation von Cézanne flankieren, lässt die Nähe in der gemeinsamen Suche der beiden Maler erleben. Ein Apfel des Provenzalen oder ein Krug des Italieners strahlen eine meditative und sogar mythische Hoheit aus. Morandi hat Cézannes Suche nach der Essenz des Gegenstandes in der Farbe zu einem neuen Höhepunkt geführt.

          Cézanne et les maîtres. Rêve d’Italie. Im Musée Marmottan-Monet, bis zum 3. Januar 2021. Der Katalog kostet 29,95 Euro.

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