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Cézanne in Paris : Betrunkene Apostel und mythische Äpfel

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Die Ausstellung benötigt genaues Hinsehen, nicht nur, um Cézanne vergleichend mit den Italienern zu betrachten, sondern auch, um die ausgestellten venezianischen, neapolitanischen oder römischen Maler – Jacopo Bassano, Luca Giordano oder Salvator Rosa – mit den Augen Cézannes zu erfassen: auf welche Weise er das Gesehene malerisch verarbeitet.

Natürlich gibt es keine offensichtlichen Entsprechungen. Cézanne findet in diesen Gemälden vielmehr den Stoff, aus dem er plastische Äquivalenzen ziehen kann. Ihn interessieren der physische und emotionale Ausdruck, gleichzeitig der Aufbau der Figuren und das Modellieren durch Farbe. Eine „Kreuzabnahme“ von Jusepe de Ribera (spanischer Herkunft, aber in Neapel lebend) zeigt die Bestürzung über den Tod, das Leiden am Körper.

Paul Cézanne: Nature morte, poire et pommes vertes (1873)
Paul Cézanne: Nature morte, poire et pommes vertes (1873) : Bild: RMN-Grand Palais (musée de l'Ora

Es ist eine faszinierend aufgebaute Szene mit sechs Figuren und phantastischen hell-dunklen Farbvolumen, in denen die Linie getilgt ist. Der junge Cézanne, dessen Pinsel im Frühwerk ein wenig grob und pastos ist, malt eine ganz säkulare, auf drei Figuren reduzierte „Leichenwaschung“, aber der Betrachter erkennt, welche Emotionen ihn in Riberas Gemälde betroffen haben und welche Lehre er aus dessen Anwendung der Farbe und der Volumen zieht.

Bei Tintoretto begegnet Cézanne dem Ausdruck seiner eigenen inneren Aufgewühltheit. In einer „Beweinung Christi“ des venezianischen Malers beobachtet er die Art, wie ein Arm gehalten wird oder die Dynamik sich bewegender Figuren, und überführt sie in ein wieder ganz unreligiöses, kleines Gemälde das eine Mordszene erzählt („Le meurtre“, 1870). Aus einem erstaunlichen „Abendmahl“ von Tintoretto, mit einer konisch aufgebauten, völlig betrunkenen Apostelgruppe, zieht Cézanne eine ähnlich gebaute, orgiastische „Vorbereitung zum Bankett“, in der er die Idee der Auflösung übernimmt und – ganz modern – nicht mehr zwischen Figur, Objekt und umgebendem Raum unterscheidet.

Nicolas Poussins klassische, arkadische Landschaften mit Figuren aus mythologischen Szenen oder sich tummelnden Putti zeigen, welche Stimmung selbstverständlicher Körperlichkeit im Zusammenspiel mit einem streng organisierten Bildaufbau den provenzalischen Maler etwa für seine Szenen mit Badenden gereizt hat. Im Gemälde „Pastorale“ fügen sich die Badenden unter seinem Pinsel wonnevoll und in ausgeglichenen Farbvolumen in die Landschaft, die gleichberechtigt mit den Figuren ist.

Im letzten Teil der Ausstellung, mit einem Ausblick auf Cézannes Wirkung auf die italienischen Novecento-Maler (die zum Teil Mussolinis faschistisches Regime künstlerisch bedienten), werden die so unvermeidlichen wie unübertroffenen Apfel- und Birnen-Stillleben etwa mit Carlo Carrà zusammengeführt, vor allem aber mit Giorgio Morandi. Neben den Landschaften von Ottone Rosai oder Ardengo Soffici, die völlig epigonal bleiben, besteht mit Abstand nur Morandi an Cézannes Seite.

Auf die übrigen Novecento-Kollegen hätte man durchaus verzichten können. Die letzte Wand mit zwei Morandi-Stillleben, die eine Apfel-Birnen-Konstellation von Cézanne flankieren, lässt die Nähe in der gemeinsamen Suche der beiden Maler erleben. Ein Apfel des Provenzalen oder ein Krug des Italieners strahlen eine meditative und sogar mythische Hoheit aus. Morandi hat Cézannes Suche nach der Essenz des Gegenstandes in der Farbe zu einem neuen Höhepunkt geführt.

Cézanne et les maîtres. Rêve d’Italie. Im Musée Marmottan-Monet, bis zum 3. Januar 2021. Der Katalog kostet 29,95 Euro.

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