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Cattelan im New Yorker Guggenheim : Maurizio, komm bald wieder!

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Die umfassende Retrospektive des Ausnahmekünstlers Maurizio Cattelan im New Yorker Guggenheim-Museum ist als seine Abschiedsvorstellung inszeniert. Das darf sie nicht sein.

          Diese Ausstellung ist das schwindelerregende Psychogramm des modernen und nicht gerade glücklosen Antihelden Maurizio Cattelan. Das New Yorker Guggenheim-Museum spielt den subversiven Komplizen und wird zur Analytiker-Couch.

          Um sich selbst zu feiern, inszeniert Cattelan unter dem Titel „All“ das wohl berühmteste architektonische Museumsloch der Welt mit einer explodierenden Wundertüte, die als eines der größten, spielerischsten, kompliziertesten und optisch verwirrendsten Monster-Mobiles in die Kunstgeschichte eingehen wird. Diese Ausstellung ist eine beeindruckende Leistung und weitaus vielschichtiger als so viele andere und schnell ermüdende Ausstellungen zeitgenössischer Kunst der letzten Jahre. Unmittelbar nach dem Durchgleiten der etwas zu eng geratenen Drehtür des Frank-Lloyd-Wright-Gebäudes befindet man sich im Nucleus eines künstlichen Tornados. Ein ertränkter Pinocchio, Esel, schlafende Hunde, ein umgekippter Papst, ein Kaninchen und ein totes Eichhörnchen, ein barfüßiger John F. Kennedy, lebensecht im Sarg aufgebahrt und andere Madame-Tussaud-artige Menschen. Tauben und ein surrealer Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Boden steckt, ein Pferd ohne Kopf, ein kleiner, betender Hitler, ein aufgedunsener Picasso, eine freundlich lächelnde Greisin, die mit ihren Runzeln für die Nachwelt in einem Kühlschrank konserviert wird.

          An allen diesen und anderen Kuriositäten wirbelt sich das unaufhörlich fotografierende Publikum entlang der Rotundenrampe Richtung Himmel. Erst mal oben angelangt und zum Abstieg schon bereit, halten viele erstmals inne, verrenken sich mit ihren Smartphones Richtung Boden, fast so, als ob sie sich gleich neben Pinocchio mit ertränken wollten. Wir sind hier nicht in einem Phantasialand für verwöhnte Kunstliebhaber, sondern in einer melancholisch-intellektuellen Ausstellung, die kaum besser das dekadente Zeitalter der Kunstwelt über die letzten zwanzig Jahre abbilden könnte. Der Effekt ist zunächst spektakulär, aber auch respektlos und pervers. In gewisser Weise genau das Richtige für unsere hyperaktiven, aufmerksamkeitsgestörten Zeiten.

          Auch wenn Cattelans künstlerische Strategie sich nicht auf das altbewährte Modell der Institutionenkritik im klassischen Sinne, also durch die Befragung des „Warenfetischismus“ von Kunst im Kunstmuseum, zurückführen lässt, untergräbt er dennoch auf Schritt und Tritt die Autorität des Museums und seinen Zwang nach Klassifizierungen. Mit Nancy Spector, der Chefkuratorin des Guggenheim-Museums, die auch die Ausstellung organisiert, hat er die ideale Verbündete an seiner Seite.

          Eine Eloge des Guggenheims

          Eines der konventionellsten Ausstellungsformate und vornehmsten Aufgaben des Kunstmuseums ist die Retrospektive, also das Aneinanderreihen der Kunstproduktion eines einzelnen Künstlers nach Schaffensperioden, erläutert durch zahlreiche Wandtexte, Besucherblätter und andere Beigaben. Nicht selten werden Künstler bei dieser Methode schon vor ihrem Ableben lebendig begraben. Das Gegenteil ist jedoch bei Cattelan der Fall.

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