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Schau im Düsseldorfer K21 : Klingende Radioaktivität

  • -Aktualisiert am

Carsten Nicolai lässt Unsichtbares zu Hörbildern werden und blendet mit gleißendem Licht: Das Düsseldorfer K21 blinkt und fiepst nicht bloß, es eröffnet zurzeit auch den Blick auf eine ungeahnte Schönheit der Mathematik.

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          Es gibt auch in prominenten Museen Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst, die weder für Kunst noch Ausstellungen vorteilhaft, eigentlich sogar komplett ungeeignet sind. Dazu zählt in Düsseldorf das Souterrain des ehemaligen Ständehauses. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert dort, im K 21, ihre Wechselausstellungen für aktuelle Hervorbringungen. Welche Funktionen der Keller für den ehemaligen Provinziallandtag der preußischen Rheinlande um 1900 oder später für das Parlament der Landeshauptstadt auch immer zu erfüllen hatte – als Kunstort mutete das gedrungene, weitgehend fensterlose Untergeschoss schon immer wie eine Notlösung an, und die hier und da zu hörende Bezeichnung als Turnhalle trifft zwar nicht den Kern des undankbaren Raumangebots, wohl aber bekundet sich darin dessen despektierliche Wertschätzung.

          All das dürfte niemandem so klar gewesen sein wie dem Künstler Carsten Nicolai, als er seine monographische Schau „Parallax Symmetry“ projektierte: Für diesen Auftritt musste einiges getan werden, und siehe da, das Resultat fällt, auch wörtlich genommen, blendend aus. Wer die steile Treppe zum Tiefparterre hinabgestiegen ist, verliert zunächst einmal die visuelle Orientierung, in so helles Licht ist der Raum plötzlich getaucht, nachdem Nicolai ihn rundum weiß getüncht und die Deckenlampen durch kühle Neonröhren ersetzt hat.

          Wo in der Ausstellung von Ai Weiwei soeben noch drangvolle Enge herrschte, ist jetzt alles aufgeräumt, entkernt, regelrecht leergeräumt, und die wenigen Objekte, die sparsam auf den Saal verteilt sind, muten in der Helle schwerelos an, als wäre die Gravitation außer Kraft gesetzt – und sie könnten gleich abheben wie in einer Assunta. Nicolai hat seinen Auftritt so gestaltet, dass seine Ausstellung als Ganze als Bild vor Augen tritt, was ein eher seltener Fall ist; ein Raumbild eröffnet sich, in dem die Dinge in einem diffusen, scheinbar immateriellen Ambiente gruppiert sind.

          Das Unsichtbare sichtbar machen

          Maßgeblich befördert wird dieser Eindruck durch einen Siebdruck an der Stirnwand, der mit einem Raster aus Schwarz und Weiß einen mächtigen Balken auf die Fläche zeichnet. Dessen Konturen lösen sich nach oben und unten in einem puderigen Licht auf, und die riesige waagerechte Linie scheint sich von der Wand abzulösen, um im Raum vor sich hin zu pulsieren – als verbreite sich darin schwirrender Graphitstaub.

          In der Breite des Raums wiederum sind zwei lange Drähte gespannt, auf denen kleine Leuchtdioden funkeln, so meint man es wenigstens im ersten Augenblick wahrzunehmen, um dann zu gewärtigen, dass vielmehr zwei Laserstrahlen den Raum abmessen und die vorhandenen Staubpartikel in einem Schauspiel sichtbar macht, an dem man sich nicht sattsehen kann. Optical Art kann sehr aktuell sein, Nicolai unterzieht sie einem ergiebigen Update. Und fundiert sie im Übrigen in der Quantenphysik, gehen doch die elektromagnetischen Wellen von gegenüberliegenden Spiegeln mit eingebauten Fotozellen aus, die jene Laserstrahlen aktivieren. So also sieht Telekommunikation aus, wenn sie ein Künstler sichtbar macht: ungemein attraktiv.

          Der in Berlin lebende, 1965 in Chemnitz geborene Carsten Nicolai hatte in seiner künstlerischen Selbstfindung schon früh begonnen, mit physikalischen Phänomenen zu experimentieren, etwa mit extrem hohen, kaum oder mit dem Gehör gar nicht wahrnehmbaren Frequenzen zu spielen, bis er ein Oszilloskop zur Hilfe nahm, um zu sehen, ob diese Frequenzen tatsächlich da sind. In seiner Installation „particle noise“ bildet Nicolai die Radioaktivität im Raum akustisch ab.

          Was die Welt im Innersten zusammenhält

          Vor den Bullaugen am Kaiserteich plaziert er Soundsystem und Messgerät, analoge und digitale Geigerzähler, Sinuswellengenerator und Radioempfänger, um die Signale der Strahlung als Soundtrack hörbar zu machen. Tritt man näher an ein vieleckiges, lichtschluckendes Objekt in Schwarz heran, registriert im Innern ein Instrument namens Theremin die elektrische Kapazität des humanen Körpers und interagiert mit diesem mittels niedrigfrequenter Töne, als ob damit ein Mesmerismus darstellbar würde. In der Form geht dieser rätselhafte Polyeder auf Dürers Stich „Melencolia I“ zurück, wo sie die Allianz von Kunst und Wissenschaften symbolisiert.

          Überhaupt liegt dieser Ausstellung ein universaler Gedanke zugrunde: sinnlich erfahrbar zu machen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Zu zeigen, wie sich die Dinge selbst ordnen, etwa in Bildern mit Stahlbändern, die sich durch ihre Spannung in ästhetische Form bringen, oder welche Schönheit mathematischen Formeln innewohnen, wenn sie in Linien übersetzt werden. Insgesamt aktiviert Nicolai in seiner Düsseldorfer Ausstellung, was als Minimal Art und konkrete Kunst eine lange Karriere hinter sich hat, um daraus, mit Sinn für die Ökonomie der Mittel, einen eigenen Techno daraus zu machen. Und das Souterrain des K21 schweben zu lassen.

          Carsten Nicolai. Parallax Symmetry. Im K21, Düsseldorf; bis zum 19. Januar 2020. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

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