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Klage gegen Fotoagentur Getty : Sie dürfen Ihre Bilder nicht verschenken!

Corpus delicti: Ihr Foto vom Nelson Atkins Art Museum in Kansas City hat Carol Highsmith für alle freigegeben. Der Agentur Getty gefällt das nicht. Bild: Highsmith/ Library of Congress

Eine Fotografin stellt ihre Aufnahmen bei der Library of Congress kostenlos zur Verfügung. Die Agentur Getty jedoch verkauft die Bilder und mahnt die Fotografin sogar ab. Die wehrt sich jetzt – mit einer Milliardenklage.

          Es gibt diese Bilder, die eine Ära und deren Zeitgeist genau erfassen. Eins dieser Bilder ist das Porträt einer Wanderarbeiterin und ihrer Kinder während der Großen Depression in Amerika, fotografiert von Dorothea Lange. Denkt man an die Weltwirtschaftskrise, denkt man an den besorgten Blick der Mutter, einer Erbsenpflückerin, das Gesicht von harter Arbeit geprägt. Das Foto bebildert auch den entsprechenden Wikipedia-Artikel in sämtlichen Sprachen.

          Lange nahm es 1936 im Auftrag einer Farmbehörde auf, heute kann es jeder copyrightfrei auf der Homepage der Library of Congress herunterladen. Man kann es aber auch für einiges Geld bei der Agentur Getty Images kaufen, der Preis richtet sich nach dem Verwendungszweck. Das wirft einige Fragen auf: Verdient Getty zu Recht sein Geld mit Bildern, die dem Staat gehören, der sie kostenfrei zur Verfügung stellt? Und was, wenn Getty plötzlich denjenigen, die diese Bilder frei verwenden, Rechnungen schickt?

          Letzteres passierte der Fotografin Carol Highsmith, die seit vielen Jahrzehnten den amerikanischen Alltag, Landschaften und Architektur dokumentiert – auch inspiriert durch Langes Dokumentarfotos. Carol Highsmith stellte einen Großteil ihres Lebenswerks, bisher 18755 Fotos, im Rahmen einer Stiftung kostenlos der Library of Congress und damit der Öffentlichkeit zur freien Benutzung zur Verfügung, behielt allerdings das Copyright an den Bildern.

          Warum nicht?

          Sie betreibt auch eine Website für ihre „This is America!“-Stiftung, auf der sie ihre Bilder zeigt. Im vergangenen Dezember bekam sie einen bösen Brief einer Firma namens License Compliances Services, sie habe Lizenzrechte verletzt und solle für eines ihrer eigenen Bilder – es zeigt die Wiese hinter dem Nelson-Atkins-Museum in Kansas mit einer Kunstinstallation von Claes Oldenburg – 120 Dollar an eine Agentur namens Alamy zahlen. Das tat sie nicht, stattdessen verklagte sie Getty und die dazugehörige Agentur Alamy, die beide ihre Bilder verkaufen, und zwar auf eine Milliarde Dollar.

          Selbstverständlich darf Getty etwas verkaufen, was es anderswo kostenlos gibt. Das ist zwar unsinnig, aber solange sich Käufer finden und es Geld bringt, warum nicht? Allerdings darf Getty nicht so tun, als halte es die Rechte an den Fotos. Und ist das nicht der Fall, wenn Getty eigene Copyright-Wasserzeichen auf Bilder klebt und über eine Abmahnagentur, die übrigens zu Getty gehört, Menschen böse Briefe mit Zahlungsaufforderungen schickt, inklusive der Fotografin und Urheberin selbst?

          Die Aussichten sind gar nicht schlecht

          Der Fall ist verwickelt. Es handelt sich nicht um einfache Urheberrechtsverletzung, sondern es geht um „Copyright Management Information“, also die Information, wer die Rechte an einem Werk hält, die üblicherweise im Kleingedruckten oder in den Metadaten eines Fotos zu finden ist. Der sogenannte „Digital Millennium Copyright Act“, genauer, der 17. U.S. Code §1202, verbietet es, diese Information zu ändern oder zu entfernen. Carol Highsmith wird wohl beweisen müssen, dass sie ihre Bilder mit dieser Information auslieferte und Getty das willentlich änderte.

          Die Aussichten sind gar nicht so schlecht. 2013 verlor Getty einen Prozess aufgrund des gleichen Paragraphen, damals ging es um Fotos aus dem erdbebengeschädigten Haiti. Der haitianische Fotograf Daniel Morel hatte die Bilder ursprünglich kurz nach dem Beben auf seinem Twitter-Account gepostet, wo sie sich ohne Angabe des Urhebers verbreiteten. Agence France-Presse und Getty, das die Bilder in den Vereinigten Staaten vertreibt, verkauften sie für 45 Dollar pro Stück, auch an große amerikanische Zeitungen.

          18.755 Verstöße

          Als Morel der Nutzung widersprechen wollte, zogen Agence France-Presse und Getty vor Gericht mit der Begründung, Morel behindere die Ausübung ihres Geschäfts. Doch die Richter entschieden nach einem vier Jahre dauernden Prozess, Getty habe die Copyright-Informationen absichtlich geändert und damit gegen den Digital Millennium Copyright Act verstoßen. Sie sprachen Morel eine Entschädigung von 1,22 Millionen Dollar zu.

          Die Kompensation ist im Gesetz angedeutet, sie beträgt für jede einzelne Verletzung zwischen 2.500 und 25.000 Dollar. Im Fall von Highsmith geht die Klageschrift von 18.755 Verstößen aus, denn Getty vertreibt sämtliche Fotos, die Highsmith der Library of Congress zur Verfügung stellte – mit Getty-Wasserzeichen, einige sogar ohne Angabe der Urheberin und dem Hinweis, Getty sei der einzige Besitzer des Copyrights. Das macht mindestens 46,8 Millionen Dollar, im schlimmsten Fall müsste die Agentur sogar 468 Millionen an Highsmith zahlen.

          Alles bloß ein Missverständnis?

          Zudem beklagt die Fotografin eine mögliche Beschädigung ihres Rufes: Man könne annehmen, sie spende die Bilder einerseits großzügig der Nation und mache dann hintenrum Reibach über den Verkauf an eine Agentur. Highsmith wirft Getty zudem „bad faith business“ vor: Seit dem Fall um Daniel Morel müsse es die Agentur doch eigentlich besser wissen, verstoße also mutwillig gegen das Gesetz. Daher fordert die Anklage eine Summe von insgesamt mehr als einer Milliarde Dollar.

          Getty beeilte sich mitzuteilen, Alamy habe die Linzenzforderung über hundertzwanzig Dollar schon zurückgezogen. Die Agentur Alamy selbst spricht von einem Missverständnis, gibt sich ansonsten aber eher schmallippig: Man prüfe den Vorgang.

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