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Caravaggio in Rom : Der Mensch ist eine Frucht, die blutet und singt

Seine Kunst reißt den Schleier vom Spiel der Kunst mit der Illusion: Die Scuderie del Quirinale in Rom zeigt das Werk das barocken Malers Caravaggio. Eine derartige räumliche Ballung seiner Meisterwerke hat es seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert nicht mehr gegeben.

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          Wie viele Freunde Caravaggio hatte, zeigt sich bei seinem Tod. Nachdem der Maler, wohl an Malaria, im Siechenhaus des Küstenstädtchens Porto Ercole gestorben ist, gehen die Bilder, die er bei sich führte, nach Neapel zurück, wo seine Mäzenin Costanza Colonna Sforza logiert. Dort, im Palazzo Cellamare, wird das Fell des Bären zerlegt: Der spanische Vizekönig und der Malteserorden melden Ansprüche, der Papst-Nepot Scipione Borghese fordert und erhält einen „heiligen Johannes“, der Rest der Gemälde verliert sich auf unterschiedlichen Wegen. In Rom schreibt Giambattista Marino einen Epitaph auf seinen toten Freund, aber weder der Kardinal Del Monte noch der Marchese Giustiniani rühren einen Finger für ihren einstigen Protegé. Kein Grabmal wird gestiftet, keine Messe gelesen, kein Lobgedicht in Auftrag gegeben. Es ist, als wären alle froh, das Ärgernis Caravaggio endlich los zu sein. Zehn Jahre dauert es, bis der Kunstsammler Giulio Mancini die erste Biographie verfasst. Bis dahin herrscht Schweigen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vier Jahrhunderte später ist die Stille einer vielstimmigen Betriebsamkeit gewichen, einer Caravaggiomanie, die das Andenken des malenden Störenfrieds zur Haupt- und Staatsaktion erhebt. Gleich drei große Ausstellungen in Rom, Florenz und Rimini feiern den Meister allein in Italien, das Kunsthistorische Museum in Wien hat seine Caravaggio-Säle neu sortiert, diverse Kataloge, Essaybände und Monographien sind bereits erschienen oder auf dem Weg. Wer noch einen Caravaggio-Schüler flämischer, französischer oder italienischer Provenienz im Magazin hat, holt ihn jetzt heraus, denn die Gelegenheit, mit Barockmalerei Aufsehen zu erregen, ist günstig wie nie.

          Ein Meister des Weglassens

          Die Scuderie del Quirinale, die ehemaligen Marställe des Quirinalspalastes, machen mit vierundzwanzig Caravaggio-Originalen den Anfang im Ausstellungsreigen. Die Übersichtlichkeit der Ausstellung ist zugleich ihr größtes Kapital, denn es sind fast nur Hauptwerke, die in den Scuderie gezeigt werden: der „Lautenspieler“ aus der Eremitage, der „Bacchus“ der Uffizien, die „Grablegung Christi“ des Vatikans, die zwei Fassungen des „Gastmahls in Emmaus“ aus London und Mailand, der Berliner „Siegreiche Amor“ und andere mehr. Wenn man die in den Kirchen von San Luigi dei Francesi, Sant'Agostino und Santa Maria del Popolo und in der Galleria Borghese verbliebenen Bilder hinzurechnet, kann man zurzeit in Rom fast zwei Drittel aller erhaltenen vierundsechzig Caravaggio-Gemälde sehen. Eine derartige räumliche Ballung der Werke dieses Malers hat es seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert nicht mehr gegeben.

          Die Ausstellung auf dem Quirinal hätte also gar keine weitere Werbung mehr nötig gehabt. Dennoch gab es noch vor der Eröffnung Wirbel um eines ihrer Exponate: Die Kunsthistorikerin und Mitkuratorin Rossella Vodret hatte auf der „Anbetung der Hirten“ aus Messina vier Selbstporträts Caravaggios aus unterschiedlichen Lebensphasen ausgemacht. Andere Experten hielten sich bedeckt, und wer die „Anbetung“ in den Scuderie betrachtet, muss ihnen recht geben. Denn in den Gesichtern der zwei kahlköpfigen Alten im Vordergrund lässt sich beim besten Willen keine Ähnlichkeit mit den bekannten Selbstbildnissen des Malers (etwa im „Kranken Bacchus“) feststellen, und die beiden jüngeren Figuren repräsentieren einen allgemeinen Typus, wie er sich auch auf dem „Begräbnis der hl. Lucia“ aus Syrakus oder dem Mailänder „Gastmahl in Emmaus“ findet.

          Interessanter ist da schon die Arbeit der Radiologen, die in der linken Bildhälfte des Emmausmahls die Vorzeichnung eines Fensters mit Blick auf die Landschaft entdeckt haben. In der Endfassung hat Caravaggio das Panorama schwarz übermalt. Kein Tupfen Grün sollte von Christus und den beiden Pilgern am Wirtshaustisch ablenken. Neben vielen anderen Talenten war der Tote aus Porto Ercole auch ein Meister des Weglassens.

          Auch die Bibelszenen sind Stillleben

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