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Caravaggio in Berlin : Ein Liebesgruß aus den Uffizien

  • -Aktualisiert am

Eine kleine Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie zeigt, wie sehr sich der Maler Caravaggio einst an Michelangelo orientierte - und sich gleichzeitig emanzipierte. Zu sehen sind auch Bilder, die im Krieg verlorengingen.

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          An Caravaggio kann man sich nicht sattsehen. Deshalb ist es erfreulich, dass nach der großen Caravaggio-Ausstellung in Rom anlässlich seines vierhundertsten Todestags jetzt auch eine kleine „Hommage an Caravaggio“ in der Berliner Gemäldegalerie geboten wird. Alle Gemälde von Caravaggio aus deutschen Museen sind hier vereint. Es sind genau zwei: „Der ungläubige Thomas“ aus Potsdam und „Amor als Sieger“ aus dem eigenen Bestand des Museums, die beide schon 1815 nach Preußen kamen, als sie mit der Sammlung Giustiniani erworben wurden. Dazu kommt als „Liebesgruß aus Rom“ zum Dank für die Leihgabe des „Amor“ vor einigen Monaten das berühmte Gemälde „Johannes der Täufer“ aus den Kapitolinischen Museen.

          Da der nackte Johannesknabe direkt neben dem Amor hängt, fällt dem Betrachter sofort ins Auge, dass für beide Bilder derselbe Junge Modell gestanden hat, ein pausbackiger Lockenkopf, der freche Lebenslust ausstrahlt, aber dabei sanft und liebenswert wirkt. „Amor als Sieger“, eines der schönsten Gemälde in ganz Berlin, zeigt den Jungen als Liebesgott mit prächtigen Flügeln, von deren fotorealistisch wirkenden Federn eine seinen Oberschenkel kitzelt. Der Körper wird von warmem Streiflicht getroffen, so dass Licht und Schatten genießerisch die Anatomie seiner weichen Haut und Muskeln umspielen. „Setz dich gerade hin“, würde der Vater am Esstisch zu ihm sagen, denn Amor hat ein Bein angewinkelt und auf den Tisch gelegt, während er den Oberkörper zur Balance leicht eingeknickt hat und den Kopf zur Seite lehnt.

          Der Täufer als Nachbarsjunge

          Die komplizierte Körperhaltung ist eine Paraphrase auf den heiligen Bartholomäus aus Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle. Voller Pathos hält der Märtyrer Bartholomäus in einer Hand das Messer, mit dem er gehäutet wurde, während er in der anderen Hand seine eigene Haut trägt, in deren verzerrten Gesichtszügen Michelangelo wohl sein eigenes Antlitz verewigt hat. Indem Caravaggio sich mit seinem Amor auf den übermächtigen Vorgänger beruft, macht er aus dem alten, geschundenen Heiligen einen jungen Liebesgott und unterzieht Michelangelo dabei einer Verjüngungskur. Mit Pfeilen und Bogen in der Hand symbolisiert Amor den Triumph der Liebe über die Künste, die am Boden durch verschiedene Instrumente vertreten sind. Auf die Musik verweist er mit einem Notenheft, einer Laute und einer Violine, auf die Geometrie und Architektur mit Winkel und Zirkel, für die Dichtkunst stehen ein Manuskript, eine Schreibfeder und ein Lorbeerkranz, eine Rüstung für die Kriegskunst und ein Sternenglobus für die Astronomie. Auch eine Krone und ein Szepter liegen achtlos in der Nähe, zum Zeichen, dass die Macht der Liebe jede weltliche Herrschaft in den Schatten stellt.

          Um 1601 malte Caravaggio auch „Johannes den Täufer“, der in paradiesischem Einklang mit der Natur einen Widder umarmt und sich, auf einem Fell halb liegend und halb sitzend zwischen Weinlaub und Königskerze dem Betrachter zuwendet. Auch hier steht eine Figur von Michelangelo Pate für die komplizierte Haltung des Knaben, und auch hier gelingt es Caravaggio, den Eindruck vollkommener Natürlichkeit zu erzielen. Johannes sieht nicht aus wie ein Heiliger, sondern wie ein Nachbarsjunge, und gerade durch diesen Realismus schafft der rebellische Künstler eine Meditation über die Heilsgeschichte.

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